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Neues Kurhaus in Aachen : Sixtinisches Casino

Achtzigtausend Besucher im Jahr sollen sich ihren Aachener Nachbau anschauen: die Sixtinische Kapelle in Rom mit ihren Deckenfresken von Michelangelo. Bild: dpa

Rechts ein multimedialer Michelangelo, links Roulette: Die Mittel für die Museen der Stadt sind seit Jahrzehnten eingefroren, doch das neue Konzept für sein Neues Kurhaus will sich Aachen einiges kosten lassen.

          Zu wertvoll, zu hohe Versicherungskosten: Das sollen, so hieß es im vergangenen Herbst, die Gründe dafür gewesen sein, dass das Spielcasino in Aachen die beiden Werke von Andy Warhol, die dann bei Christie’s in New York unter den Hammer kamen, schon vier Jahre zuvor im Depot eingemottet hatte. Aber womöglich war das ja nur die halbe Wahrheit? Und der größte Star der Pop-Art der Betreibergesellschaft einfach nicht populär, nicht zugkräftig genug?

          Mit spekulationsanfälliger Gegenwartskunst jedenfalls will sich die landeseigene WestspielGmbH nicht länger abgeben, künftig sind dort ganz andere Kaliber gefragt. Kein Geringerer als Michelangelo soll in Aachens Neues Kurhaus kommen, wenn das bis frühestens Ende 2018 saniert sein wird, und die Spielbank, die vor einem halben Jahr an den Tivoli ausgelagert wurde, soll hier wieder einziehen. So geht der Plan, den die Stadt favorisiert und den die Spitzen aller sechs im Rat vertretenen Parteien in seltener frohgemuter Einigkeit unterstützen.

          Unterhaltsam und multimedial aufbereitet

          Das Universalgenie in der Kaiserstadt – und das nicht etwa mit der Kopie einer seiner Skulpturen, sondern in der Architektur, die ihn auf dem Zenit seiner Fähigkeiten zeigt, hat er sie doch mit seinem bedeutendsten Fresko ausgemalt: die Sixtinische Kapelle nämlich. Die ist in Rom zwar nicht abkömmlich. Doch sie soll in einer originalgetreuen, unterhaltsam und multimedial aufbereiteten Replik erstehen, mit der der rechte Flügel des Gebäudes ausgestaltet wird, während im linken Flügel die Roulettekugel rollt und im Mitteltrakt ein niederländischer Catering-Zampano für Wiener Kaffeehaus-Atmosphäre sorgt.

          „Weltklassekunst für die breite Öffentlichkeit“ soll es in Zukunft im Neuen Kurhaus in Aachen zu sehen geben.

          Das in dieser Kombination „weltweit einmalige“ Konzept hat ein Kölner Event-Spezialist entwickelt, der – von Westspiel empfohlen – die Stadtspitze schon deshalb beeindruckt, weil er jährlich mindestens 80.000 Besucher erwartet. „Weltklassekunst für die breite Öffentlichkeit“ versprechen die Ideengeber – als gäbe es in Aachen keinen Dom, für den das im Original gilt, kein Ludwig Forum mit einem einzigartigen, von Peter und Irene Ludwig zusammengetragenen Bestand an Weltkunst und auch kein Suermondt-Ludwig-Museum mit seiner erlesenen Bürgersammlung Alter Meister.

          Aachen werde, so heißt es weiter, als „kulturelle Hochburg“ und „intellektuelle Keimzelle“ gestärkt, und die Stadt, die ihre Museen kurzhält – und den Ausstellungsetat für das Ludwig Forum seit 1991 nicht erhöht hat –, zeigt sich von dem Sixtinischen Casino derart angefixt, dass sie für den Rückbau des klassizistischen Gebäudes in den Grundzustand mindestens zwanzig Millionen Euro aufbringen und zudem für jede Ausstellung, die nach einem Jahr von der nächsten Replik von Weltrang-Kunst abgelöst werden soll, eine halbe Million Euro hinblättern will. Denn wirtschaftlich verheißt der Blockbuster für das seit Jahren defizitäre Spielbank-Geschäft endlich schwarze Zahlen. Außerdem können auch die Zocker ein Schnäppchen machen und mit jedem Besuch in Aachen gleich zwei teure Reisen sparen. Eine nach Rom und eine nach Las Vegas.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

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