https://www.faz.net/-gqz-7axf4

Kontrolle im Netz : Ist das Internet nicht doch eine Falle?

  • -Aktualisiert am

Clinton verband die Idee eines einzigen, allen gemeinsamen globalen Internets, dieses „neuen Nervensystems für unseren Planeten“, mit dem nationalen Interesse Amerikas und den wohlverstandenen Geschäftsinteressen der in diesem Bereich tätigen amerikanischen Firmen: „Indem wir diese Agenda verfolgen, verknüpfen wir unsere Prinzipien, unsere ökonomischen Ziele und unsere strategischen Prioritäten.“

Gefährliche Utopie

Vor dem Hintergrund von Snowdens Enthüllungen liest man solche Programme jetzt anders, mit einem mulmigen Gefühl. Was als Zusicherung des amerikanischen Beistands für Internet-Dissidenten in aller Welt gemeint war und verstanden wurde, erscheint plötzlich als vergiftete, möglicherweise gefährliche Utopie: Ist die Verheißung eines einzigen globalen, mit amerikanischen Instrumenten sowohl bereitgestellten wie verteidigten Internets vielleicht eine Falle? So wie die Aufforderung Facebooks, im Interesse der allseitigen Verbundenheit die eigene Lebensgeschichte mit all deren Kontakten preiszugeben, oder die Einladung Apples, alle in der Cloud gespeicherten Fotos mit den Namen der auf ihnen zu sehenden Personen zu versehen? Je umfassender der Anspruch eines Systems, desto größer die Gefahr seines Missbrauchs: So bekommt auch der Anspruch des amerikanischen Staats, zugleich als Administrator und als ideeller Pate des weltweiten Internets anerkannt zu werden, etwas Monströses.

Davon konnte vor drei Jahren keine Rede sein, wenigstens nicht unter denen, die in repressiven Ländern für zivile Freiheiten eintraten. Was bei ihnen in den letzten Wochen stattgefunden zu haben scheint, ist die Auflösung der in der Clinton-Rede proklamierten Einheit des Westens als Instanz universeller Werte und geopolitischem Ort. Für die westlichen Zivilgesellschaften ist das nichts Neues; ihre Stärke beruht ja darauf, dass sie mit ihren Regierungen immer wieder um ihrer Werte willen in Streit geraten. In der nichtwestlichen Welt ist die Unterscheidung schwieriger, und autoritäre Regierungen tun das Ihre dazu, mit dem Verweis auf die „Doppelmoral“ westlicher Staaten auch gleich deren Ideale zu diskreditieren.

Auch manche nationalistischen Blogger in China haben das jetzt wieder versucht, und zu den Themen, die die Parteiführung gerade für die Diskussion in staatlichen Institutionen und Medien verboten hat, gehören auch die „Bürgerrechte“. Doch das chinesische Internet feiert Snowden als „amerikanischen Helden“ und „Verkörperung der amerikanischen Werte“. So tritt in dem Moment, da sich die digitalen Geheim- und Staatsaktionen einiger westlicher Regierungen denen von autoritären Regimen angleichen, die Universalität der Bürgerrechte, die in China „universelle Werte“ genannt werden, deutlicher hervor denn je. Fragt sich nur, was die Oberhand behalten wird.

Weitere Themen

Topmeldungen

Langer Winter: Zwei Polizisten am Mittwoch auf dem Roten Platz in Moskau

Repressionen in Russland : In der Krise wächst die Paranoia

Corona, eine schwache Wirtschaft und Proteste: Wladimir Putins Machtapparat sieht sich in Russland vielen Krisen ausgesetzt. Und erhöht deswegen den Druck auf Opposition und Zivilgesellschaft.
Maye Musk ist die Mutter des Unternehmers Elon Musk. Am Donnerstag erscheint ihre Autobiographie „Eine Frau, ein Plan“.

Maye Musk : „In unserer Familie nimmt niemand frei“

Wer Elon Musk verstehen möchte, muss seine Mutter Maye kennen lernen. Im Interview spricht sie über Abenteuertouren in der Wüste, ihre Modelkarriere mit 70 und wie sie einst aus Armut auf Dates verzichtete.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.