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Konjunktur des Ressentiments : Der Siegeszug eines Gefühls

Bild: Kat Menschik

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“: So lautet der Auftakt oder der Abspann - und dazwischen macht sich diffuse Wut breit. Über den Umgang mit Ressentiments.

          5 Min.

          Seit einer ganzen Weile geht das schon so, dass ich keine Lust habe, mich mit dem Ressentiment anderer Leute herumzuschlagen, diesem Ressentiment aber andauernd ausgesetzt bin. Ich meine damit weniger die Hass-Mails und Shitstorms, mit denen Journalisten in den Kommentaren zu ihren Artikeln im Internet persönlich beschimpft werden. Auch nicht die Diffamierungen von Prominenten, die über Twitter öffentlich werden - obwohl die schon hart genug sind. Ich meine ein Ressentiment, das sich als Anfeindung von Demokratie und Gleichheit artikuliert und einfach mal so, ganz beiläufig, als wäre das völlig normal, in Frage stellt, worauf unser Zusammenleben beruht.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Möglichst giftig, grundsätzlich gekränkt und immer humorlos. Gerne auch mit der rhetorischen Figur des „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“, die Thilo Sarrazin so erfolgreich gemacht hat wie Akif Pirinçci, Autor des Ressentimentbuchs „Deutschland von Sinnen - Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“. Eine Geste, die neulich in der „Bild“-Zeitung auch von Béla Anda, früher immerhin mal Sprecher eines SPD-Kanzlers, dankbar aufgegriffen wurde: „Muss ich Conchita Wurst gut finden? Nein, muss ich nicht!“

          Umschau bei den Wutbürgern

          Als in der „Zeit“ das Buch von Akif Pirinçci menschenverachtend genannt wurde, warfen die Verteidiger Pirinçcis im Leserforum mit Dreck um sich, waren außer sich über die angebliche „Gedankenmanipulation“, die „rot-grün versiffte“ Berichterstattung. Ein Leser schrieb „Ihr seid Hitler“, woraufhin der „Zeit“-Journalist Stefan Willeke 1738 Kilometer durch Deutschland fuhr, um die Menschen, die ihren Hass auf diese Weise rausgelassen hatten, zu besuchen. Das ist natürlich eine Möglichkeit. Erst mal nachgucken, wer das überhaupt ist, der da so entgleist, so völlig außer Rand und Band ist, und den Dialog suchen. In den meisten Fällen endete die Reise in kultivierten Wohnzimmern bei gebildeten Menschen mit Räumen voller Kunstbände.

          „Vor vier Jahren“, schrieb Willeke über diese Reise, „gab es noch Tausende Wutbürger, die gegen das Verkehrsprojekt Stuttgart 21 protestierten. Ihre Wut hatte Kontur. Danach diffundierte die Wut, richtete sich gegen vermeintliche oder tatsächliche Bevormundungen durch den Staat, wurde ausländerfeindlicher, modernitätsfeindlicher, gesellschaftspolitischer. War die Wut harmloser, als sie sich noch vor dem schwäbischen Bahnhof sammelte und Demonstranten zornig herumliefen?“, fragte er und nahm an, dass sich der „Wutbürger“ in einen „Wutleser“ verwandelt hatte. Aber stimmt das? Geht es dort, wo sich der „Hass der Demokratie“ artikuliert, wie der französische Philosoph Jacques Rancière diese Tendenz genannt hat, überhaupt um Wut und Zorn? Sind die Demonstranten gegen Stuttgart 21 den Ressentiment-Bürgern nicht genau entgegengesetzt?

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