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Konjunktur des Ressentiments : Der Siegeszug eines Gefühls

Bild: Kat Menschik

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“: So lautet der Auftakt oder der Abspann - und dazwischen macht sich diffuse Wut breit. Über den Umgang mit Ressentiments.

          Seit einer ganzen Weile geht das schon so, dass ich keine Lust habe, mich mit dem Ressentiment anderer Leute herumzuschlagen, diesem Ressentiment aber andauernd ausgesetzt bin. Ich meine damit weniger die Hass-Mails und Shitstorms, mit denen Journalisten in den Kommentaren zu ihren Artikeln im Internet persönlich beschimpft werden. Auch nicht die Diffamierungen von Prominenten, die über Twitter öffentlich werden - obwohl die schon hart genug sind. Ich meine ein Ressentiment, das sich als Anfeindung von Demokratie und Gleichheit artikuliert und einfach mal so, ganz beiläufig, als wäre das völlig normal, in Frage stellt, worauf unser Zusammenleben beruht.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Möglichst giftig, grundsätzlich gekränkt und immer humorlos. Gerne auch mit der rhetorischen Figur des „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“, die Thilo Sarrazin so erfolgreich gemacht hat wie Akif Pirinçci, Autor des Ressentimentbuchs „Deutschland von Sinnen - Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“. Eine Geste, die neulich in der „Bild“-Zeitung auch von Béla Anda, früher immerhin mal Sprecher eines SPD-Kanzlers, dankbar aufgegriffen wurde: „Muss ich Conchita Wurst gut finden? Nein, muss ich nicht!“

          Umschau bei den Wutbürgern

          Als in der „Zeit“ das Buch von Akif Pirinçci menschenverachtend genannt wurde, warfen die Verteidiger Pirinçcis im Leserforum mit Dreck um sich, waren außer sich über die angebliche „Gedankenmanipulation“, die „rot-grün versiffte“ Berichterstattung. Ein Leser schrieb „Ihr seid Hitler“, woraufhin der „Zeit“-Journalist Stefan Willeke 1738 Kilometer durch Deutschland fuhr, um die Menschen, die ihren Hass auf diese Weise rausgelassen hatten, zu besuchen. Das ist natürlich eine Möglichkeit. Erst mal nachgucken, wer das überhaupt ist, der da so entgleist, so völlig außer Rand und Band ist, und den Dialog suchen. In den meisten Fällen endete die Reise in kultivierten Wohnzimmern bei gebildeten Menschen mit Räumen voller Kunstbände.

          „Vor vier Jahren“, schrieb Willeke über diese Reise, „gab es noch Tausende Wutbürger, die gegen das Verkehrsprojekt Stuttgart 21 protestierten. Ihre Wut hatte Kontur. Danach diffundierte die Wut, richtete sich gegen vermeintliche oder tatsächliche Bevormundungen durch den Staat, wurde ausländerfeindlicher, modernitätsfeindlicher, gesellschaftspolitischer. War die Wut harmloser, als sie sich noch vor dem schwäbischen Bahnhof sammelte und Demonstranten zornig herumliefen?“, fragte er und nahm an, dass sich der „Wutbürger“ in einen „Wutleser“ verwandelt hatte. Aber stimmt das? Geht es dort, wo sich der „Hass der Demokratie“ artikuliert, wie der französische Philosoph Jacques Rancière diese Tendenz genannt hat, überhaupt um Wut und Zorn? Sind die Demonstranten gegen Stuttgart 21 den Ressentiment-Bürgern nicht genau entgegengesetzt?

          Diffuse Aggressivität

          Ressentiment heißt Wieder-Fühlen. Es ist das wiederholte Durchleben einer einmal erlittenen Verletzung, Niederlage oder Herabsetzung. Wer Ressentiment hat, handelt deshalb niemals spontan, sondern mit Verspätung. Und vor allem geht diese Verspätung mit einer Verschiebung einher: Wenn derjenige, der Ressentiment verspürt, auf etwas reagiert, dann hat das nicht unbedingt etwas mit der Situation oder dem Gegenstand zu tun, auf den er sich zu beziehen vorgibt. Vielmehr ist der Gegenstand eine Art Vorwand und der Ursprung der Kränkung von außen oft gar nicht mehr zu erkennen. Der Mensch des Ressentiments, schreibt in der „Genealogie der Moral“ der Ressentiment-Verächter Friedrich Nietzsche, sei weder aufrichtig noch naiv, noch mit sich selber ehrlich und geradezu. „Seine Seele schielt; sein Geist liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hintertüren; er versteht sich auf das Schweigen, das Nicht-Vergessen, das Warten, das vorläufige Sich-verkleinern, Sich-demütigen.“

          Die Verschiebung der Kränkung ist es, die den Angriff durch den Ressentiment-Menschen so unerträglich macht und auch erklärt, warum die artikulierte Beleidigung oder der Hass immer so merkwürdig diffus daherkommen, so raunend, unpräzise und ohne Argument. Wenn in der „Zeit“-Reportage herauskam, dass einige der aufgebrachten Leser das Buch von Pirinçci gar nicht gelesen hatten, war das deshalb nicht überraschend. Für sie reichte der bloße Verdacht eines Sachverhalts, um loszuwerden, was sie ohnehin loswerden wollten. Die Aussichten auf einen gewinnbringenden Dialog sind unter solchen Bedingungen nicht gerade groß. Der von Ressentiment Umgetriebene hat immer schon eine Antwort auf eine noch nicht gestellte Frage.

          Mit den Demonstranten am Bahnhof in Stuttgart hat das nichts zu tun. Ihnen, die mehr Mitbestimmung verlangten, ging es ja um etwas, um eine Sache, für die sie eintraten. Dass sie sich vom „Spiegel“ als „Wutbürger“ beschimpfen lassen mussten, denn das war ja kein nett gemeinter Begriff; dass sie sich anhören mussten, sie seien „entfesselt“ und sollten bitte mal Thomas Manns „Buddenbrooks“ lesen, da lerne man „Contenance und tadellose Haltung“, war Ausdruck eines das System der Parteipolitik stabilisierenden Konservativismus, den man guten Gewissens langweilig finden konnte. Denn Zorn und Wut sind ja nicht grundsätzlich schlecht. Jedenfalls nicht der produktive Zorn, den man als Kehrseite der Vergeltung durch das Ressentiment begreifen kann.

          Steinmeiers Wutanfall . . .

          Kurz vor der Europawahl rastete Frank-Walter Steinmeier aus. Der Außenminister bekam einen Wutanfall in Berlin, am Alexanderplatz, als bei einem Wahlkampfauftritt sogenannte „Montagsdemonstranten“ seine Rede mit „Kriegstreiber“-Parolen niederzubrüllen versuchten. Sie hielten Plakate mit Slogans wie „Fuck EU“, „Kiewer Junta tötet eigenes Volk“ hoch, „Kein Geld für Faschisten in Kiew!“ oder „Stoppt die Nazis in der Ukraine!“ - und Steinmeier brüllte zurück: „Wer eine ganze Gesellschaft als Faschisten bezeichnet, der treibt den Krieg, der treibt den Konflikt. Weil wir den Frieden wollen, dürfen wir es euch nicht so einfach machen.“

          Diejenigen, die ihm gegenüberstanden, waren die Agenten des Ressentiments. Die Variante der aus der DDR stammenden „Montagsdemonstrationen“ war aus Protest gegen den drohenden Krieg in der Ukraine gegründet worden. Redner mit Kontakten zur rechtspopulistischen Szene oder mit Affinität zu antisemitischen Verschwörungstheorien waren aufgetreten. Bestimmte politische Ziele ließen sich auf den Veranstaltungen nicht ausmachen. Es war ein diffuser Widerstand gegen Politik, Krieg und Kapitalismus. Man war gegen alles und fühlte sich grundsätzlich unverstanden. Auch nach Steinmeiers Auftritt hatten die Proteste keinen besonderen Zulauf. „Die Bewegung bröckelt“, stellte die „Sächsische Zeitung“ fest, die eine Gruppe von rund tausend Menschen ausmachte. Mehr nicht.

          . . . wird zum Youtube-Hit

          Das klang nach wenig. War es aber nicht. Denn jene, die dort standen und brüllten, waren durchaus repräsentativ für eine Stimmung, die sich mit der Europawahl überall Luft machte, im linken Spektrum wie im rechten. Völlig selbstverständlich wurden der Westen und die EU als Feinbild aufgerufen, bemerkenswerterweise von Leuten, die selbst „der Westen“ waren. Immer expliziter wurden die anti-europäischen Stimmen - mit entsprechenden Wahlergebnissen. In der vergangenen Woche berichtete der „Tagesanzeiger“ aus Zürich von einem der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Gipfeltreffen in Wien, bei dem Führer der russischen Eurasien-Bewegung, unter ihnen Putins Chefideologe Alexander Dugin („Wir müssen Europa erobern und anschließen“), mit westeuropäischen Rechtspopulisten, Aristokraten und Unternehmern über die Rettung Europas vor Liberalismus und der „satanischen“ Schwulenlobby berieten. Was, wenn die vom Ressentiment Getriebenen sich zusammentun? Wie kommt man dagegen an, wenn ganze Bevölkerungsgruppen sich beleidigt fühlen und dieses Beleidigtsein in negative Energie umwandeln - und irgendwann in Gesetze?

          Frank-Walter Steinmeier brüllte zurück und war bemüht, dies hinterher gleich wieder abzuschwächen. Er habe sich selbst nicht wiedererkannt, sagte er, überrascht, dass seine Rede sich zum Youtube-Hit entwickelt hatte. Aber warum nicht mal zornig werden, zumal wenn, wie bei Steinmeier, dieser Zorn mit Argumenten daherkommt? In seinem Buch „Zorn und Zeit“ hat der Philosoph Peter Sloterdijk sich für einen solchen Zorn stark gemacht. „Jenseits des Ressentiments“ heißen seine Überlegungen, mit denen er an Nietzsche anknüpft und für eine Ablösung der „rachsüchtigen Demut“ durch eine Intelligenz plädiert, die sich dieses „produktiven Zorns“ neu vergewissert. Es sei Zeit für die „Befreiung der Weltkultur vom Geist des Ressentiments“.

          Es muss aber kein Zorn sein. Es reicht Haltung. Wenn die Leute mehr werden, die unter dem Deckmantel des „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“ ihre Ressentiments und Anfeindungen loswerden wollen, ihren Schwulenhass oder ihren Antisemitismus, dann zwingt uns das zu mehr Haltung, zu präziseren Argumenten, zur Unnachgiebigkeit. Das ist, wie sich gezeigt hat, nicht unbedingt im Dialog mit denen möglich, die ihre Kränkung hüten wie einen Schatz und sie zu den verschiedensten Anlässen hemmungslos ausagieren; ganz einfach, weil ein Dialog in den meisten Fällen gar nicht zu Stande kommt. Aber es ist grundsätzlich möglich. Mehr Haltung als Prinzip. Denn es geht um etwas, in jedem Fall um mehr als das widerliche Wiederkäuen vergangener Herabsetzungen.

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