https://www.faz.net/-gqz-7q678

Konjunktur des Ressentiments : Der Siegeszug eines Gefühls

Diejenigen, die ihm gegenüberstanden, waren die Agenten des Ressentiments. Die Variante der aus der DDR stammenden „Montagsdemonstrationen“ war aus Protest gegen den drohenden Krieg in der Ukraine gegründet worden. Redner mit Kontakten zur rechtspopulistischen Szene oder mit Affinität zu antisemitischen Verschwörungstheorien waren aufgetreten. Bestimmte politische Ziele ließen sich auf den Veranstaltungen nicht ausmachen. Es war ein diffuser Widerstand gegen Politik, Krieg und Kapitalismus. Man war gegen alles und fühlte sich grundsätzlich unverstanden. Auch nach Steinmeiers Auftritt hatten die Proteste keinen besonderen Zulauf. „Die Bewegung bröckelt“, stellte die „Sächsische Zeitung“ fest, die eine Gruppe von rund tausend Menschen ausmachte. Mehr nicht.

. . . wird zum Youtube-Hit

Das klang nach wenig. War es aber nicht. Denn jene, die dort standen und brüllten, waren durchaus repräsentativ für eine Stimmung, die sich mit der Europawahl überall Luft machte, im linken Spektrum wie im rechten. Völlig selbstverständlich wurden der Westen und die EU als Feinbild aufgerufen, bemerkenswerterweise von Leuten, die selbst „der Westen“ waren. Immer expliziter wurden die anti-europäischen Stimmen - mit entsprechenden Wahlergebnissen. In der vergangenen Woche berichtete der „Tagesanzeiger“ aus Zürich von einem der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Gipfeltreffen in Wien, bei dem Führer der russischen Eurasien-Bewegung, unter ihnen Putins Chefideologe Alexander Dugin („Wir müssen Europa erobern und anschließen“), mit westeuropäischen Rechtspopulisten, Aristokraten und Unternehmern über die Rettung Europas vor Liberalismus und der „satanischen“ Schwulenlobby berieten. Was, wenn die vom Ressentiment Getriebenen sich zusammentun? Wie kommt man dagegen an, wenn ganze Bevölkerungsgruppen sich beleidigt fühlen und dieses Beleidigtsein in negative Energie umwandeln - und irgendwann in Gesetze?

Frank-Walter Steinmeier brüllte zurück und war bemüht, dies hinterher gleich wieder abzuschwächen. Er habe sich selbst nicht wiedererkannt, sagte er, überrascht, dass seine Rede sich zum Youtube-Hit entwickelt hatte. Aber warum nicht mal zornig werden, zumal wenn, wie bei Steinmeier, dieser Zorn mit Argumenten daherkommt? In seinem Buch „Zorn und Zeit“ hat der Philosoph Peter Sloterdijk sich für einen solchen Zorn stark gemacht. „Jenseits des Ressentiments“ heißen seine Überlegungen, mit denen er an Nietzsche anknüpft und für eine Ablösung der „rachsüchtigen Demut“ durch eine Intelligenz plädiert, die sich dieses „produktiven Zorns“ neu vergewissert. Es sei Zeit für die „Befreiung der Weltkultur vom Geist des Ressentiments“.

Es muss aber kein Zorn sein. Es reicht Haltung. Wenn die Leute mehr werden, die unter dem Deckmantel des „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“ ihre Ressentiments und Anfeindungen loswerden wollen, ihren Schwulenhass oder ihren Antisemitismus, dann zwingt uns das zu mehr Haltung, zu präziseren Argumenten, zur Unnachgiebigkeit. Das ist, wie sich gezeigt hat, nicht unbedingt im Dialog mit denen möglich, die ihre Kränkung hüten wie einen Schatz und sie zu den verschiedensten Anlässen hemmungslos ausagieren; ganz einfach, weil ein Dialog in den meisten Fällen gar nicht zu Stande kommt. Aber es ist grundsätzlich möglich. Mehr Haltung als Prinzip. Denn es geht um etwas, in jedem Fall um mehr als das widerliche Wiederkäuen vergangener Herabsetzungen.

Weitere Themen

„Parasite“ Video-Seite öffnen

Trailer : „Parasite“

„Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

Topmeldungen

Abkommen steht : Unerwarteter Durchbruch beim Brexit

Die Unterhändler der EU und Großbritannien haben sich auf einen Brexit-Vertrag geeignet. Das bestätigten Jean-Claude Juncker und Boris Johnson auf Twitter. Ein Scheitern des Abkommens ist jedoch dennoch möglich.

Amtsenthebungsverfahren : Verfassung und Verschwörungstheorie

Bis jetzt gab es zwei Amtsanklagen gegen Präsidenten in Amerika, beide jedoch scheiterten – aus gutem Grund. Welche Wege zur Absetzung von Donald Trump wahrscheinlicher sind.

Bernd Lucke : Nazischweine und Gesinnungsterror

Vom AStA kann man nicht viel erwarten. Aber die Hamburger Regierung und die Universität leisten sich in Sachen Bernd Lucke eine peinliche Vorstellung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.