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Konjunktur des Ressentiments : Der Siegeszug eines Gefühls

Diffuse Aggressivität

Ressentiment heißt Wieder-Fühlen. Es ist das wiederholte Durchleben einer einmal erlittenen Verletzung, Niederlage oder Herabsetzung. Wer Ressentiment hat, handelt deshalb niemals spontan, sondern mit Verspätung. Und vor allem geht diese Verspätung mit einer Verschiebung einher: Wenn derjenige, der Ressentiment verspürt, auf etwas reagiert, dann hat das nicht unbedingt etwas mit der Situation oder dem Gegenstand zu tun, auf den er sich zu beziehen vorgibt. Vielmehr ist der Gegenstand eine Art Vorwand und der Ursprung der Kränkung von außen oft gar nicht mehr zu erkennen. Der Mensch des Ressentiments, schreibt in der „Genealogie der Moral“ der Ressentiment-Verächter Friedrich Nietzsche, sei weder aufrichtig noch naiv, noch mit sich selber ehrlich und geradezu. „Seine Seele schielt; sein Geist liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hintertüren; er versteht sich auf das Schweigen, das Nicht-Vergessen, das Warten, das vorläufige Sich-verkleinern, Sich-demütigen.“

Die Verschiebung der Kränkung ist es, die den Angriff durch den Ressentiment-Menschen so unerträglich macht und auch erklärt, warum die artikulierte Beleidigung oder der Hass immer so merkwürdig diffus daherkommen, so raunend, unpräzise und ohne Argument. Wenn in der „Zeit“-Reportage herauskam, dass einige der aufgebrachten Leser das Buch von Pirinçci gar nicht gelesen hatten, war das deshalb nicht überraschend. Für sie reichte der bloße Verdacht eines Sachverhalts, um loszuwerden, was sie ohnehin loswerden wollten. Die Aussichten auf einen gewinnbringenden Dialog sind unter solchen Bedingungen nicht gerade groß. Der von Ressentiment Umgetriebene hat immer schon eine Antwort auf eine noch nicht gestellte Frage.

Mit den Demonstranten am Bahnhof in Stuttgart hat das nichts zu tun. Ihnen, die mehr Mitbestimmung verlangten, ging es ja um etwas, um eine Sache, für die sie eintraten. Dass sie sich vom „Spiegel“ als „Wutbürger“ beschimpfen lassen mussten, denn das war ja kein nett gemeinter Begriff; dass sie sich anhören mussten, sie seien „entfesselt“ und sollten bitte mal Thomas Manns „Buddenbrooks“ lesen, da lerne man „Contenance und tadellose Haltung“, war Ausdruck eines das System der Parteipolitik stabilisierenden Konservativismus, den man guten Gewissens langweilig finden konnte. Denn Zorn und Wut sind ja nicht grundsätzlich schlecht. Jedenfalls nicht der produktive Zorn, den man als Kehrseite der Vergeltung durch das Ressentiment begreifen kann.

Steinmeiers Wutanfall . . .

Kurz vor der Europawahl rastete Frank-Walter Steinmeier aus. Der Außenminister bekam einen Wutanfall in Berlin, am Alexanderplatz, als bei einem Wahlkampfauftritt sogenannte „Montagsdemonstranten“ seine Rede mit „Kriegstreiber“-Parolen niederzubrüllen versuchten. Sie hielten Plakate mit Slogans wie „Fuck EU“, „Kiewer Junta tötet eigenes Volk“ hoch, „Kein Geld für Faschisten in Kiew!“ oder „Stoppt die Nazis in der Ukraine!“ - und Steinmeier brüllte zurück: „Wer eine ganze Gesellschaft als Faschisten bezeichnet, der treibt den Krieg, der treibt den Konflikt. Weil wir den Frieden wollen, dürfen wir es euch nicht so einfach machen.“

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