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Schulterschluss im Internet : Whatsapp-Gruppen für Unberührbare

  • -Aktualisiert am

Zeigen, dass man zusammen gehört: Mädchen bei den Proben für den indischen Unabhängigkeitstag Bild: AFP

Fortschritt, trotz allem: Die Konferenz Digital Cultures in Lüneburg lotet Widerstandspotentiale des Internets aus und präsentiert einen überraschenden Fund.

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          Die frohe Botschaft vom Internet als Medium der Weltverbesserung ist angesichts von Datenkapitalismus, Meinungsmanipulationen und Pöbelkampagnen hohl geworden. Welches sozialpolitische Fortschrittspotential trotzdem in ihm steckt, wird zum Beispiel beim Blick auf Indien deutlich. Über die Rolle, die soziale Netzwerke dort für die „Unberührbaren“ spielen, berichtete der indische Medienwissenschaftler Dhyan Singh auf dem Kongress „Digital Cultures“, der kürzlich an der Universität Lüneburg stattfand. Etwa zweihundert Millionen Menschen zählen in Indien zu den Dalits, den ‚Parias‘. Sie stehen auf der untersten Stufe des hinduistischen Kastensystems, werden trotz formeller Gleichstellung massiv diskriminiert und sind oft Opfer von Gewalt und Verfolgung. Polizei und Justiz, die von Angehörigen höherer Kasten dominiert werden, schauen in vielen Fällen weg. Aus demselben Grund werden diese Missstände auch in den indischen Massenmedien nur selten thematisiert.

          In den vergangenen Jahren haben sich nun immer mehr „Unberührbare“ in Whatsapp- und Facebook-Gruppen vernetzt, um für ihre gesellschaftliche Anerkennung zu kämpfen. Die sozialen Medien, die dank der in Indien niedrigen Internet-Gebühren auch den Ärmeren zugänglich sind, bieten den Dalits eine Plattform, die es ihnen erlaubt, eine Gegenöffentlichkeit zu bilden und über religiöse Kontaktverbote hinweg auch zu Mitgliedern höherer Kasten vorzudringen. Allerdings erleben viele Dalit-Aktivisten auch die Schattenseiten des Internets, wie Singh durch Befragungen herausfand. Mancher, der seine Kastenzugehörigkeit bisher verschleiern konnte, sieht sich nun infolge seiner Online-Aktivitäten stigmatisiert. Zudem ist das Internet immer öfter der Ort für Lügenmeldungen und Hetzkampagnen gegen Dalits. Es waren nicht zuletzt solche Berichte aus den dunklen Regionen der digitalen Welt, die den Besuch in Lüneburg lohnend machten und manch postmodernes Wortgeklingel vergessen ließ.

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