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Besuch in Garmisch : Plädoyer für Richard Strauss

Erbaut mit dem Geld, das er mit seiner Oper „Salome“ verdiente, bezogen 1908: die Villa von Richard Strauss in Garmisch-Partenkirchen Bild: Jan Brachmann

Die Komponisten-Villa in Garmisch hat sich seit siebzig Jahren kaum verändert. Anders jedoch die Bewertung von Strauss’ Werk. Grund dafür ist eine ideologischen Entkrampfung – auch zu bemerken auf dem Musikfest Berlin.

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          Der Kalender auf dem Schreibtisch, oberhalb des hölzernen Etuis für Schere und Brieföffner, zeigt immer noch das Sterbedatum: Donnerstag, 8. September. An diesem Spätsommertag vor siebzig Jahren hatte Richard Strauss schon längst nicht mehr an seinem Schreibtisch sitzen können. Die letzten Tage vor seinem Tod war er bettlägerig gewesen; Anni Nitzl hatte ihn gepflegt, die Haushälterin, die – gerade zweiundzwanzigjährig – im Herbst 1944 zusammen mit ihrer Schwester Resi in die Garmischer Villa der Familie Strauss gekommen war, um die verstorbene Anna Glossner zu ersetzen. „Ach, die Anni“, sagt Constantin Strauss, der Urenkel des Komponisten, heute, „die war ein Original. Die hätte man vor ihrem Tod noch mal befragen müssen. Die wusste alles über das Haus und die Dinge darin. Sie hat den Urgroßvater bis zu dessen Tod gepflegt und auch meinen Großvater.“

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Wer vor fünfundzwanzig Jahren nach Garmisch-Partenkirchen in die Zoeppritzstraße 42 kam und am Tor der Villa von Richard Strauss klingelte, konnte das Glück haben, dass Anni Nitzl sich meldete und auf die Frage, ob sie auch einem unangemeldeten Gast das Haus zeigen würde, halb abweisend, halb einladend antwortete: „Na, da muss ich’s halt machen.“

          Sie wusste wirklich Bescheid über die Dinge im Haus, das Richard Strauss sich von den Einnahmen seiner Oper „Salome“ hatte bauen lassen und in das er 1908 eingezogen war. Sie kannte sich nicht nur in den Wäscheschränken aus, in denen noch heute alles nach Zimmern sortiert liegt mit handschriftlichen Zuordnungszetteln an den Wäschebändern, von Pauline, Richards Frau, und Alice, Richards Schwiegertochter, beschriftet. Anni Nitzl wusste, aus welchem Holz welche Möbel gefertigt waren (Kirschholz war dabei) und wer dem Ehepaar Strauss die Sammlung tropischer Schmetterlinge geschenkt hatte.

          Ein Geschenk von Joseph Goebbels

          Kam dann die Rede auf die unübersehbare Büste des Komponisten Christoph Willibald Gluck von Jean-Antoine Houdon, sagte sie nur knapp: „Ja, das ist der Gluck.“ Sie mochte nicht erzählen, dass Strauss die Büste von Joseph Goebbels zum achtzigsten Geburtstag 1944 geschenkt bekommen hatte. Bei der kleinsten Anspielung auf die Nazis – immerhin war Richard Strauss von 1933 bis 1935 Präsident der Reichsmusikkammer gewesen und hatte 1936 Musik für die Olympischen Spiele geschrieben – schnitt sie die Konversation ab mit der wehrhaften Bemerkung: „Mit den Leuten hat er nix g’mein g’habt.“

          Tischkalender von Richard Strauss in dessen Villa in Garmisch-Partenkirchen

          Anni Nitzl starb 2006; kurze Zeit später beschloss die Familie Strauss, die Villa nicht mehr zu bewohnen, sie aber zu erhalten und zum Museum zu machen. Man kann sie besuchen. Christian Strauss, der Enkel, inzwischen 87 Jahre alt und seinem Großvater wie aus dem Gesicht geschnitten, führt zwar nicht mehr durchs Haus. Aber wir, in einer kleinen Gruppe, haben das Glück, mit Dominik Šedivý, dem Leiter des Richard-Strauss-Instituts Garmisch-Partenkirchen, durch die Räume streifen zu dürfen.

          Wir hören von ihm die schönen Geschichten, dass hier – anders als bei Thomas Mann oder Jean Sibelius – nie der Tagesbefehl galt: „Still! Der Meister arbeitet.“ Die Enkel Richard und Christian erzählten, dass sie als Kind durchs Haus toben und beim Großvater ins Zimmer platzen konnten. Manchmal gelang es den beiden, ihn von der Arbeit wegzulocken. Dann spielte er vor dem Haus mit ihnen Fußball oder fuhr Schlitten – alles in den Jahren, in denen er an „Daphne“, „Die Liebe der Danae“ oder „Capriccio“ komponierte.

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