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Besuch in Garmisch : Plädoyer für Richard Strauss

Tischkalender von Richard Strauss in dessen Villa in Garmisch-Partenkirchen
Tischkalender von Richard Strauss in dessen Villa in Garmisch-Partenkirchen : Bild: Jan Brachmann

Es hat lange gedauert, bis diese intellektuellen Verkrampfungen sich zu lösen begannen und die Diffamierungen von Strauss als das zutage traten, was sie sind: taub, blind und dumm. Michael Heinemann hat in seinem Strauss-Buch 2014 darauf hingewiesen, dass auch die vermeintlich moderne „Elektra“ traditionell tonal konzipiert sei, während im „Rosenkavalier“ die Walzersequenzen nur wie Intarsien in einen teilweise atonalen Satz eingelegt wurden, der sogar noch avancierter sei als der von „Elektra“. Die vielen Inszenierungen von Strauss’ letztem Bühnenwerk „Capriccio“ belegen eine wachsende Sensibilität dafür, wie Strauss 1942 durch sein Beharren auf einer Kunst um der Kunst willen Schutzräume baut, in welche die Politik nicht eindringen kann, und dadurch ein Leben, das in der Wirklichkeitsform des Politischen keine Chance mehr hat, rettet in die Möglichkeitsform des Ästhetischen.

Das Gartenzimmer in der Villa von Richard Strauss in Garmisch-Partenkirchen
Das Gartenzimmer in der Villa von Richard Strauss in Garmisch-Partenkirchen : Bild: Jan Brachmann

Zudem hält Strauss’ hochreflektierte und raffinierte Bilderfreude dem neu-kultischen Wahrheitsanspruch einer Moderne des Abstrakten und Atonalen den fröhlichen Skeptizismus Friedrich Nietzsches entgegen, dass die wahre Welt ohnehin längst zur Fabel geworden sei. Strauss’ musikalischen Umgang mit Sprache, aber auch seine wortlose Suggestion von Bildern zeichnet eine hohe Transparenz für den Metapherncharakter von Wort und Bild, ein Bewusstsein für das stete Als-ob, wenn man so will eine nominalistische Distanz aus.

Von Strauss können Komponisten erzählerische Pointierung ohne Einfühlungsnötigung lernen, auch die Dringlichkeit von Abschieden, ohne in einer Weltschmerz-Pose festzukleben. Und natürlich fasziniert Strauss wegen seiner klanglich wie arbeitspsychologisch brillanten Disposition von Orchestersätzen: Jeder Musiker bleibt wach und beschäftigt, erfährt zugleich Befriedigung in seinem Können bei einem Orchestersatz, der eine kontinuierlich hohe Dichte mit einem überraschend kontrastreichen Verlauf verbindet.

Strauss als „Zentrum der Moderne“

Als Winrich Hopp die Leitung des Musikfestes Berlin übernahm, setzte er gleich 2007 die Musik von Richard Strauss aufs Programm und kombinierte sie mit Edgard Varèse und Béla Bartók, die als Klassiker der Moderne gelten. Varèse war durch Vermittlung von Hugo von Hofmannsthal, Auguste Rodin und Romain Rolland von Paris nach Berlin zu Strauss gekommen, der ihm einen Kompositionsauftrag vermittelte. Die Verbindung zwischen Strauss und Varèse bezeichnet Hopp als „Schlüsselgelenk“ für die Musik des zwanzigsten Jahrhunderts. Von Strauss, nicht von Schönberg habe die neue Musik Frankreichs ihre wichtigsten Impulse empfangen. Strauss sei, so Hopp, ein Zentrum der Moderne und Auslöser der Avantgarde gewesen. Und er habe sich „regelrecht in die Muskulatur der Musiker hineinkomponiert. Das hat nur er geschafft, das macht ihn einzigartig.“

Wenn auch in diesem Jahr wieder beim Musikfest Berlin Strauss mit seiner Oper „Die Frau ohne Schatten“ nicht nur am Anfang steht, sondern im Konzert der Jungen Deutschen Philharmonie unter der Leitung von Jonathan Nott sein „Heldenleben“ auf die „Tanzsuite mit Deutschlandlied“ von Helmut Lachenmann trifft, so geschehe das auf ausdrücklichsten Wunsch Lachenmanns, der sich seit geraumer Zeit mit Nachdruck für Strauss, besonders für dessen „Alpensinfonie“ einsetzt. Auch Wolfgang Rihm hat das ganz späte Lied „Malven“ für Sopran und Klavier orchestriert, mit großer Sensibilität für den feinnervigen Spätstil von Strauss. Eine Aufnahme mit Lise Davidsen und dem Philharmonia Orchestra unter der Leitung von Esa-Pekka Salonen ist vor wenigen Wochen erst erschienen.

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