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Kommissar Ennigkeit zum Fall : Anatomie eines moralischen Dilemmas

Ortwin Ennigkeit: Der Frankfurter Kommissar hat über seine Rolle im Mordfall Jakob von Metzler und das Verhör Magnus Gäfgens ein Buch veröffentlicht Bild: Dieter Rüchel

Zwei Frankfurter Kriminalpolizisten trafen im Mordfall Jakob von Metzler eine Entscheidung - sie verfolgt sie bis heute. Nur einer von ihnen will noch darüber sprechen.

          Traumatisiert sei er nicht, sagt Ortwin Ennigkeit. Doch dem Frankfurter Polizisten ist anzumerken, dass ihm die letzten Tage zusetzen, in denen er wieder mit den Geschehnissen von damals konfrontiert wird. Sein ehemaliger Vorgesetzter, Wolfgang Daschner, äußert sich inzwischen nicht mehr öffentlich zum Mord an Jakob von Metzler und der Entscheidung, die er traf, um aus dem Entführer den Aufenthaltsort des Jungen herauszubekommen.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ortwin Ennigkeit jedoch, der in Daschners Auftrag handelte, spricht über die vier Tage, die sein Leben für immer verändern sollten. Er ist seit neununddreißig Jahren Kommissar bei der Frankfurter Polizei. Er hat in viele Abgründe geblickt. Und doch sagt er ohne Zögern: „Wenn ich daran denke, was dieser Mann mit Jakob angestellt hat, fange ich an zu weinen.“

          Der Entführer hielt die Ermittler zum Narren

          Bis heute vermeidet es der Polizist, den Namen von Magnus Gäfgen auszusprechen, des Entführers und Mörders, der Leid über so viele Menschen brachte - zu allererst über die Familie des getöteten Kindes. Jedes Verbrechen lässt eine traumatisierte Schicksalgemeinde zurück. Dieser von langer Hand geplante Mord an einem Kind, gepaart mit Gäfgens Drang nach Geltung und Reichtum, ist in seiner Monstrosität kaum zu ertragen.

          Vier Tage lang hatte der Entführer die Ermittler zum Narren gehalten und sie ein ums andere Mal in die Irre geschickt. Vier Tage lang bangten Angehörige und Polizei um das Leben von Jakob. Und nicht nur sie. Das ganze Land hoffte in jenen Spätseptembertagen mit der Familie. „Uns lief die Zeit davon“, erinnert sich Ortwin Ennigkeit, „wir wussten, dass ein Kind nicht viel länger ohne Wasser überleben kann. Da rief mich am vierten Tag Wolfgang Daschner zu sich.“

          Wir müssten davon ausgehen, dass Jakob nicht versorgt werde, sagte er und wies seinen Untergebenen an, Gäfgen mit dem Äußersten zu drohen: „Ich sollte dem Täter ankündigen, dass wir Zwang anwenden würden, wenn er nicht aussage. Als Jurastudent wisse er schon, was damit gemeint sei.“

          Zu tief sitzen die Wunden

          Ortwin Ennigkeit hat den Film „Der Fall Jakob von Metzler“ schon gesehen, bei einer Vorführung für den innersten Kreis. Der Vater, Friedrich von Metzler, war damals zugegen, einige Mitarbeiter der Bank, die Produzenten Nico Hofmann und Benjamin Benedict sowie die verantwortliche Redakteurin vom ZDF, Caroline von Senden. Wolfgang Daschner war verhindert, aber auch er hat sich den Film angesehen. „Er kann sich mit unserer Darstellung identifizieren“, sagt Benjamin Benedict, und das ist mehr, als der Produzent erwarten durfte.

          Denn ohne Daschners Einverständnis wollte man das Projekt nicht angehen, doch konnte sich der ehemalige Vizepräsident der Frankfurter Polizei lange Zeit nicht dazu durchringen. Zu tief sitzen offenbar die Wunden. Der Mann, der bis heute glaubt, richtig und im Sinne des Gesetzes gehandelt zu haben, wobei er sich auf den Paragraphen zur Gefahrenabwehr beruft, wurde Monate lang öffentlich angegriffen und in der Presse als „Folterer“ bezeichnet.

          Auf künstlerische Freiheit wurde verzichtet

          Friedrich von Metzler hat ihren Film von Anfang an unterstützt, sagen dessen Urheber. Dabei wollte der Frankfurter Bankier nie sein persönliches Leid zum Thema machen. Ihm ging es einzig darum, dass die Arbeit der Polizei gewürdigt werde. Nach vielen Gesprächen, zurück bis ins Jahr 2006, und der Lektüre des Treatments, beschloss schließlich auch Daschner, den Film mitzutragen.

          „Wir wollten die Geschichte nicht einfach fiktionalisieren“, sagt Caroline von Senden - zumal es schon mehrere Dokumentationen und Spielfilme zu dem Fall gibt. „Wir wollten die wahre Geschichte erzählen. Denn das Exemplarische daran, das moralische Dilemma, ist es, was diesen Mordfall von allen anderen unterscheidet.“

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