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Julia Bähr, Redakteurin im Feuilleton

Kommentar zur Berlinale : Schwarzfahrer

  • -Aktualisiert am

Der Teppich bleibt rot: Vorbereitungen zur Berlinale 2018 Bild: EPA/REX/Shutterstock

Eine Petition fordert, die Berlinale müsse in diesem Jahr einen schwarzen Teppich ausrollen – zum Zeichen der Solidarität mit #Metoo. Was soll das bewirken?

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          Guter Wille kostet nichts, sieht aber stets gut aus. Das konnte man bei den Golden Globes beobachten, wo zum Zeichen der Solidarität mit der #Metoo-Bewegung fast alle Frauen Schwarz trugen. Dort kreuzte auch James Franco mit einem „Time’s up“-Anstecker auf, ebenfalls eine Solidaritätsbekundung gegen sexuelle Übergriffe. Bald darauf wurden Vorwürfe laut, er habe wiederholt siebzehnjährigen Mädchen nachgestellt, in einem Fall sei es körperlich geworden. Weil so ein Anstecker nämlich genau das Blech wert ist, aus dem er besteht: Jeder kann ihn sich an seine Kleidung pinnen und sich selbst und der Welt einen Abend lang einreden, er kämpfe für eine menschenwürdige Behandlung beider Geschlechter. Aber eben nur einen Abend lang.

          Deshalb ist die Petition der Schauspielerin Claudia Eisinger so irritierend, die Stimmen dafür sammelt, bei der Berlinale anstatt des roten Teppichs diesmal einen schwarzen auszurollen. Was das bringen soll, bleibt offen. Die Berlinale soll Position beziehen, heißt es. Aber ist der Gedanke, niemand sollte sexuell belästigt werden, wirklich so umstritten, dass ein Berliner Filmfestival da Position beziehen muss? In diesem Jahr hat es sogar Filme abgelehnt, deren Macher Fehlverhalten eingestanden haben. Schwarze Leinwände für Belästiger sind ein viel deutlicheres Zeichen, als ein schwarzer Teppich es je sein könnte. Die Berlinale muss genauso wenig Flagge zeigen wie jedes andere Unternehmen: Man kann erwarten, dass sie sexuelle Übergriffe nicht duldet; alles andere wäre ein Skandal.

          Auch um Aufmerksamkeit zu schaffen, wäre der Teppich eine sonderbare Idee. Die rosa Schleifen der Brustkrebsinitiative, ja, die können immerhin daran erinnern, dass frau mal wieder zur Vorsorge gehen sollte. Aber ein schwarzer Teppich – wozu soll der anregen? Dass beim Drübergehen jemandem plötzlich klar wird, er sollte vielleicht doch nicht mehr seiner Sekretärin ungefragt den Hintern tätscheln? Das Einzige, was dieser Teppich erzeugen könnte, sind Schwarzfahrer, die zu einer Solidaritätsinszenierung gezwungen werden und nicht dahinter stehen; die breit lächelnd über einen schwarzen Teppich gehen, sich ablichten lassen und ihr eigenes Verhalten keine Sekunde lang in Frage stellen. Wenn jemand von ihnen demnächst wegen sexueller Übergriffe in den Medien landet, wird man diese Fotos ansehen und sagen: wie verlogen. Ja. Weil eine aufgezwungene Solidaritätsgeste immer verlogen ist.

          Julia Bähr
          Audience Managerin bei FAZ.NET.

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