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Peter Körte (pek)

Berlinale : Spezialeffekte

  • -Aktualisiert am

Das geschlossene Stage Theater am Potsdamer Platz, in den vorherigen Jahren die Hauptspielstätten der Berlinale. Bild: dpa

Deutschlands größtes Filmfestival wird zweigeteilt: Fünf Tage online im März, zwölf Tage real im Juni. Was bedeutet das für die Zukunft?

          3 Min.

          Das DOK Leipzig hat es im Oktober vorgemacht, Rotterdam macht es gerade, andere, kleinere Festivals wie die Oberhausener Kurzfilmtage während des ersten Lockdowns oder das Saarbrücker Festival Max Ophüls Preis haben nicht hybrid, sondern ganz online stattgefunden.

          Nun also auch die Berlinale, die eine weitere Hybrid-Variante ausprobiert: fünf Tage im März für den Europäischen Film Markt im Online-Betrieb, zwölf Tage im Juni, ganz real fürs Publikum; eine Jury aus ehemaligen Gewinnerinnen und Gewinnern des Goldenen Bären, die im März den Sieger kürt, Preisverleihung und Festivalstimmung dann im Juni.

          Außerdem ist die Berlinale geschrumpft. Statt 340 Filmen werden es nur noch etwa hundert sein, alle Sektionen sind davon betroffen, nur der Wettbewerb nicht. Die Kulturstaatsministerin hat von einem „Ermutigungssignal“ gesprochen und Zuschüsse zugesagt, die den Wegfall von Sponsorengeldern und Erlösen aus dem Ticketverkauf kompensieren.

          Ein Ermutigungssignal

          Ist das nun eine gute Nachricht? Schwer zu sagen. Es wird viele Diskussionen geben. Darüber, ob es gut ist, die Presse zuzulassen im März und welche Medienvertreter zugelassen werden. Ob man als Journalist überhaupt berichten soll, wenn gar keine Öffentlichkeit vorhanden ist, kein roter Teppich, keine Atmosphäre in der Stadt, die die Verwendung des Begriffs „Festival“ rechtfertigte.

          Und was, wenn ein Film den Goldenen Bären gewinnt, den die Presse nicht gesehen hat, weil der Produzent ihn nicht hat zugänglich machen wollen? Auch über Ausdehnung und Unübersichtlichkeit des Festivals wurde schon zu Zeiten von Dieter Kosslick diskutiert. Doch vom Charme einer geschrumpften Berlinale könnte man erst reden, wenn sich deren Akzeptanz durch das Publikum messen lässt.

          Vorerst ist das Ganze eine Gleichung mit vielen Variablen, und bei ihrer Auflösung geht es um mehr als die Berlinale. Es geht um die Rolle von Festivals und um die Zukunft des Kinos. Momentan kann niemand sagen, wie die Filmtheater aus der Pandemie hervorgehen werden, wie viele schließen müssen, ob es zu eine Art Marktbereinigung kommt.

          Es geht um die Zukunft der Festivals

          Und wenn derzeit auch unverdrossen weiter neue Projekte gefördert werden, muss man doch fragen, was eigentlich aus den vielen Filmen werden soll, die im vergangenen Jahr ungezeigt blieben, und wie sich das auf die Zahl der Neuproduktionen auswirken wird. Dass es schon vor der Pandemie mehr Filme gab, als der Markt verkraftete, wird kaum jemand bestreiten.

          Zwar brauchen auch die gefräßigen Streamingplattformen immer neuen Content, aber in fast allen europäischen Ländern ist die Filmförderung auf Kinofilme ausgerichtet (bei denen in Deutschland so gut wie immer das öffentlich-rechtliche Fernsehen beteiligt ist), aber nicht auf Nachschubproduktion für die Streamingdienste.

          In dieser Situation ist die Bedeutung von Filmfestivals noch einmal gewachsen. Schon länger erfüllen sie ja die Funktion einer Schattenwirtschaft.

          Sie versorgen Städte und Regionen mit einer Filmvielfalt, die der kommerzielle Kinobetrieb dort nicht mehr bietet, sie führen dazu, dass manche Filme auf einem halben Dutzend Festivals auf der ganzen Welt zu sehen sind, die sich auf ihrem einheimischen Kinomarkt nicht ökonomisch behaupten können.

          Rettung der Filmvielfalt

          Sie sorgen für die Reputation der Filmemacher und schaffen so zugleich die Voraussetzung für deren weitere Arbeit. Das gehört zu den Spezialeffekten des in Europa seit Jahrzehnten praktizierten Subventionsbetriebs.

          Diese Konstellation erklärt auch, zumindest zum Teil, warum die Berlinale so großen Wert auf den Märztermin für die Branche legt, ohne garantieren zu können, dass das kulturelle Event im Sommer auch wirklich stattfinden wird.

          Dagegen ließe sich einwenden, dass das Festival von Cannes, das noch immer als das wichtigste der Welt gilt, sich auf solche Kompromisse nicht einlässt. Es soll im Juli vor Ort stattfinden – ohne digitale Zugeständnisse. Scheitert das am Stand der Pandemie, wäre der Verlust umso größer, für die Region an der Côte d’Azur und für den Filmmarkt, der größer ist und wichtiger als in Berlin.

          Die Marketingstrategie von 2020, als Cannes seine ausgewählten Filme mit dem Siegel „Cannes 2020 Official Selection“ versah, wird sich kaum wiederholen lassen, nachdem die Kinos nicht mal lange genug geöffnet waren, um den 2020er-Jahrgang zu zeigen.

          Kann Cannes sich retten?

          Dennoch ist die Cannes-Strategie nicht nur Ausdruck bornierter Selbstüberschätzung. Sie setzt ein Zeichen. Denn mittelfristig gesehen, wäre die Beschränkung von Festivals aufs Online-Format eine Kapitulation.

          Beim Versuch, sich zu retten, schaffte man sich auf diese Weise am Ende selber ab, weil fast alles, was zu einem vitalen Festivalbetrieb gehört, entfiele – bis auf die Filme, die auch ohne den festlichen Rahmen ein streamendes Publikum finden könnten.

          Der Haken dabei ist bloß, dass ohne Bühne und Markt eines Festivals auch die Produktion jener Filme, die man „Festivalfilme“ nennt, weil sie dort ihre Blüte und ihr Publikum haben, irgendwann versiegte.

          Fast schon tragisch

          Gerade weil im Film Kunst und Warencharakter untrennbar zusammenhängen, ist die Filmbranche ein so kompliziertes Biotop. Insofern lässt sich die zweigeteilte Berlinale zwar leicht kritisieren.

          Man muss sich nur im Klaren sein, dass die Alternativen Komplettverzicht oder Online-Abwicklung genauso kritisiert werden müssten, weil sie das empfindliche Gleichgewicht der Branche gefährden.

          Es ist eine Situation, in der man im Grunde nichts richtig machen kann. Sie erfüllt fast alle Bedingungen, um sie tragisch zu nennen.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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