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Klimanotstand : Höllisch, wie das jetzt knallt

Klimastreik in Turin. Bild: dpa

Klimawandel war gestern, heute ist Notstand. Den haben wir zwar nicht den Jungen zu verdanken, aber die schlachten ihn jetzt schwungvoll aus und drängen die Politik in die Ecke. Eine Glosse.

          Ob der Stein oder das Fass zuerst ins Rollen gekommen ist, müssen wir an dieser Stelle nicht an die große Glocke hängen. Das Kind ist im Brunnen, so viel ist sicher. Spüren Sie es: wie die Sprache plötzlich anfängt zu gruseln? Wie die Metapher zum Fass ohne Boden wird, wie nichts mehr bleibt vom Sinn – weder vom Anlass noch vom Ziel des Gesagten? Politikersprech tut den Jungen weh, ihnen ganz besonders.

          Der Youtuber und „CDU-Zerstörer“ Rezo und die Klimaaktivistin Greta Thunberg haben diese Sprache gnadenlos entkernt und sind nach der Prüfung des politisch Gesagten und des politisch Verwirklichten zu einem erschütternden Ergebnis gelangt: Nichts passiert, nichts rollt außer dem Stein, der das Unglück bringt. Dass gar nichts geschieht, mag stimmen oder nicht, dass die Politik alles in ihrer Macht Stehende tut, um den Klimawandel aufzuhalten, wäre jedenfalls eine kühne Behauptung. Weil aber die Jungen keine Spielchen mehr mit sich und ihrer Zukunft spielen lassen wollen, haben sie nun ihr mächtigstes Instrument, das Internet und die sozialen Netzwerke, gegen die Mächtigen in Anschlag gebracht. Jugendpropaganda gegen die Propaganda der „Profis“ (Christian Lindner, FDP).

          Wer von denen außer vielleicht Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, CDU, der nun energisch zu beschwichtigen versucht („Alle sind sich einig, dass mehr getan werden muss“), hat wohl ernsthaft geglaubt, dass die „Fridays for future“Streiks der Schüler (gestern mehr als 1600 Demos ins 119 Ländern) oder die Bewegung „Scientists for future“ (mehr als 26 000 Wissenschaftler) politisch so was Großes ins Rollen bringen?So kann man sich täuschen.

          Kalter Schweiß bei Skeptikern

          Die Frage, wann diese Lawine zum Stehen kommt, lässt sich vorerst auch kaum beantworten. Nimmt man die Sprache zum Maßstab, war das bisher erst der Anfang. Dann sieht man die politischen „Profis“ noch immer oben sitzen, brütend über Klimawandel und Erwärmung, während der Rest schon unten angekommen ist und den „Klimanotstand“, Überhitzung oder den „ökologischen Kollaps“ beklagt. Auf Twitter hat Greta Thunberg neulich die neue Sprachregelung eingefordert: Klimawandel sei zu schwach für das, was derzeit ökologisch mit dem Planeten passiert. Tatsächlich bahnt sich der „Klimanotstand“ derzeit seinen Weg durch alle Instanzen. Konstanz, Kiel, Heidelberg, Münster und Ludwigslust – immer kürzer wird der Takt, in dem sich die Städte in das Netz der „Klimanotstand-Gemeinden“ mit weltweit inzwischen mehr als dreihundert Teilnehmern einreihen. Wer also bisher schon über die Apokalyptiker zu klagen hatte, wo mehrheitlich noch die Fakten des Klimawandels verhandelt wurden, der darf sich schon mal überlegen, wie er auf die schärfere Tonlage reagieren will.

          „Sparkneuro“, eine Praxisgemeinschaft von Neuroanalytikern aus New York, ist der „emotionalen Intensität“ der Klimadebatte jüngst mit Hirnstromkurven und Hautwiderstandsmessungen auf den Grund gegangen. Fazit: Der Begriff „Klimawandel“ in unterschiedlichen Kontexten ließ die Probanden glattweg kalt, während „Klimakrise“ und „Umweltzerstörung“ sogar bei ökoskeptischen Republikanern schwitzende Hände verursachte. Der kalte Schweiß kommt normalerweise nach dem Schock. Sollte da wirklich jemand etwas gelernt haben?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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