https://www.faz.net/-gqz-98s4w

Kommentar : Deutsche Gründlichkeit beim Datenschutz

  • -Aktualisiert am

Wer kommt eigentlich an unsere Daten bei der Post? Bild: dpa

Der deutsche Datenschutz ist strenger als der amerikanische – aber da braucht man eben einfach mehr Ehrgeiz, um ihn zu umgehen. Deutsche Tugenden helfen dabei.

          Da reden immer alle von Google und Facebook, den gemeinen Datenkraken, die alles über uns wissen: Wenn wir uns fürs Bergwandern interessieren, kriegen wir Werbung für Wanderschuhe angezeigt, ist das nicht erschreckend? Vielleicht für amerikanische Verhältnisse, ja, aber wir hier in Deutschland, wir denken gerne größer, wir arbeiten sorgfältiger und sind dabei verblüffend effizient! Mit Internetwerbung geben wir uns nicht ab. Wir schicken den Leuten, deren Daten unsere hochbürokratischen Traditionsunternehmen fein säuberlich gesammelt haben, direkt Politiker von der FDP oder der CDU ins Haus, damit die mal ausführlich fragen können, wen man eigentlich demnächst so zu wählen gedenke.

          So macht es die Deutsche Post über ein Tochterunternehmen, das laut Medienberichten Angaben zu Kaufkraft, Bankverhalten, Geschlecht, Alter, Bildung, Wohnsituation, Familienstruktur, Wohnumfeld und Personenwagenbesitz von sage und schreibe 85 Prozent aller deutschen Haushalte besitzt. Die Parteien kauften 2017 nicht diese Daten, sondern einfach nur daraus hergeleitete und damit äußerst fundierte Hinweise, in welchen Straßenabschnitten sie Wähler antreffen, die schon in ihre Richtung tendieren. Dabei umfassten die Cluster im Schnitt 6,6 Haushalte – Sie können also gewisse Rückschlüsse auf die politische Haltung Ihrer direkten Nachbarn ziehen, wenn im nächsten Wahlkampf plötzlich ein grinsender Christian Lindner mit Aktenköfferchen und FDP-Luftballon vor Ihrer Tür steht. Das ist nach den strengen deutschen Datenschutzgesetzen alles lupenrein, weil die Daten sämtlich bei der Post bleiben – aber auch damit kann man sich ja durchaus unwohl fühlen.

          Prompt wollte ein zweites, ehemals staatlich geführtes Unternehmen nicht zurückstehen: Die Deutsche Bahn hat stillschweigend eingeführt, dass die Bahncard 100 nicht mehr einfach nur durch Sichtkontakt geprüft, sondern auch gescannt werden kann. Es soll zu denkwürdigen Szenen in Großraumabteilen gekommen sein, weil Passagiere sich weigerten und sich auf die AGB beriefen, in denen nur steht, die Karte müsse vorgelegt werden. Die Bahn wiederum ist sich keiner Schuld bewusst und erklärte, sie speichere die Daten nicht, sie überprüfe nur die Echtheit der Karte – das ist noch nicht ganz auf Datenkraken-Niveau, aber irgendwo muss man ja mal anfangen.

          Es wird also nicht leichter werden, anonym zu reisen, und wenn Ihr Wahlkreiskandidat Sie in drei Jahren zu Hause nicht antrifft, kann er sich vielleicht einfach beim Pendeln neben Sie setzen und Ihnen das Programm seiner Partei in Ruhe erläutern, Sie steigen ja erst in zwanzig Minuten aus, nicht wahr, das haben wir mit hochmodernen Mitteln einem selbstverständlich streng anonymisierten Datensatz entnommen. Damit sich alle nach den Zeiten zurücksehnen, in denen Google über ihre sexuellen Vorlieben Bescheid wusste und Facebook die Namen der Menschen kannte, die bei deren Umsetzung beteiligt waren. Kinkerlitzchen, erst wir haben da richtig was draus gemacht! Aber eine souveräne Vorarbeit war das schon.

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.