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Kommentar zu Bayern : Wir sind die mit dem Kreuz

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Markus Söder hängt ein geweihtes Kreuz in der Staatskanzlei auf. Bild: dpa

Das Kreuz, das künftig in allen bayerischen Behörden hängen wird, soll kein religiöses Symbol sein – es dient nur dazu, Menschen auszugrenzen.

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          Religion lebt von der Auslegung. Erst die Auslegung macht sie lebendig und entwicklungsfähig – aber Religion braucht auch unverrückbare Regeln. Wo die Grenze zwischen diesen beiden Bereichen verläuft, ist ein großes Streitthema. Selten aber ist es in einer Debatte zu beobachten, dass jemand sich auf beiden Seiten gleichzeitig breitmacht, indem er sich auf die Unverrückbarkeit beruft und dabei tollkühn etwas auslegt, wie es ihm gerade passt. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat hier neue Maßstäbe gesetzt, als er nach einer Sitzung der Staatskanzlei verkündete, vom 1. Juni an müsse in jeder bayerischen Behörde ein Kreuz hängen, und sofort selbst eines präsentierte sowie im Eingangsbereich plazierte. Seine Worte knipsten das Licht im Interpretationsspielraum munter an und aus: Die Kreuze verstießen nicht gegen das Neutralitätsgebot, denn sie sollten kein religiöses Symbol sein, sondern nur „das grundlegende Symbol der kulturellen Identität christlich-abendländischer Prägung“. Es stehe für „unsere bayerische Identität und Lebensart“.

          Das dürfte all die Gläubigen interessieren, die Kreuzanhänger an Kettchen um den Hals tragen: Religion, welche Religion? Wenn Söder wirklich nur die bayerische Identität und Lebensart versinnbildlichen wollte, hätte er ebenso gut eine in Messing gegossene Brezel aufhängen können. Nun ist das nicht der erste Streit um Kreuze in Bayern, 1995 ging die Kruzifix-Klage bis vors Bundesverfassungsgericht, das damals erklärte: „Das Kreuz ist Symbol einer bestimmten religiösen Überzeugung und nicht etwa nur Ausdruck der vom Christentum mitgeprägten abendländischen Kultur.“ Das hat man in Bayern wohl schon wieder verdrängt.

          Ein „sichtbares Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern und Deutschland“ sollen die Kreuze laut Staatskanzlei sein, dabei sind sie in Wahrheit nur eins: Mittel zur Distinktion. Söder benutzt das Kreuz als Waffe, wie man in Bayern „Kruzifix“ als Fluch benutzt. Wer das Kreuz so instrumentalisiert, tut der Religion keinen Gefallen; er bedient sich ihrer, um sich von Menschen abzugrenzen, die nicht mit dem Kreuz aufgewachsen sind. Und er entfremdet der Religion eines ihrer wichtigsten Symbole, um ihm eine neue Bedeutung zu geben, die einfach nur irgendwas mit Bayern und Tradition zu tun haben soll, um zu verdeutlichen: Wir waren vorher da. Wir sind die mit dem Kreuz. Aber wir sind nicht unbedingt Christen.

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