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Hannes Hintermeier (hhm)

Kommentar zu Sieferle : Radikales Votum

Blasse Kopie eines Originals: Dieses Porträtfoto von Rolf Peter Sieferle machte er selbst in seinem Kopiergerät, wie es die Vorgaben für den Band „Neue Urbanität“ (2003) vorsahen Bild: GTH Verlag

Der Journalist, der „Finis Germania“ auf die Sachbuch-Bestenliste gesetzt hat, ist aus der Jury ausgetreten. Aber was hat ihn geritten, rechtes Gedankengut so zu propagieren?

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          Die Schuld der Juden an der Kreuzigung des Messias wurden von diesen selbst nicht anerkannt. Die Deutschen, die ihre gnadenlose Schuld anerkennen, müssen dagegen von der Bildfläche der realen Geschichte verschwinden.“ Ein typischer, ein antisemitischer Satz des späten Rolf Peter Sieferle (1949 bis 2016). Als Umwelthistoriker hatte er sich einen Ruf erworben, er forschte über die Industrialisierung und ihre Folgen. Als nach seinem Freitod im vergangenen Herbst die Nachrufe auf ihn erschienen, hatte er – wie viele Papier-Revolutionäre seiner Generation – einen langen Marsch von weit links nach extrem rechts hinter sich. Das spiegelt sich auch in seinem letzten verlegerischen Heimathafen. Der Antaios Verlag gehört Götz Kubitschek, dessen „Institut für Staatspolitik“ einschlägig bekannt ist.

          Dreißig Miszellen Sieferles hat der Verlag unter dem Titel „Finis Germania“ zusammengekehrt, ebenso ekelhafte wie stellenweise unverständliche Endzeitdiagnostik, die nicht weiter erwähnenswert wäre, hätte sich das Büchlein nicht plötzlich auf der von NDR Kultur, „Süddeutscher Zeitung“ und dem „Börsenblatt des Deutschen Buchhandels“ veröffentlichten Liste „Sachbücher des Monats“ wiedergefunden. Die von dem ehemaligen NDR-Redakteur Andreas Wang koordinierte Jury empfahl „Finis Germania“ im Juni auf Platz 9.

          Als am Wochenende klar wurde, welches Buch man da empfohlen hatte, reagierte SZ-Redakteur Jens Bisky als erster und erklärte seinen Austritt aus der Jury. Der NDR distanzierte sich am gestrigen Montag von der „gravierenden Fehlentscheidung“ und setzt bis „zur vollständigen Aufklärung“ die Zusammenarbeit mit der Jury aus. Diese besteht aus zwei Dutzend Wissenschaftlern, Autoren und Journalisten (darunter auch ein Redakteur dieser Zeitung), die nun durch einen Alleingang in Misskredit gebracht wurde. Denn aufgeklärt, in dem Sinn, dass man wusste, wer Sieferle auf die Liste gebracht hatte, war die Sache schnell: Johannes Saltzwedel vom „Spiegel“ war es, der alles auf diesen rechtsradikalen Hundertseiter gesetzt hatte. Ein Verfahrensfehler? Hat der Jury-Vorsitzende geschlafen?

          In den Modalitäten ist vorgesehen, die zwanzig Punkte, die jedem Jury-Mitglied monatlich zur Verfügung stehen, auf drei bis vier Bücher zu verteilen, nicht auf eines. Saltzwedel gab zwanzig Punkte. Für ein Buch, das behauptet: „Der ewige Nazi wird als Wiedergänger seiner Verbrechen noch lange die Trivialmythologie einer postreligiösen Welt zieren. Die Erde aber wird von diesem Schandfleck erst dann gereinigt werden, wenn die Deutschen vollständig verschwunden (...) sind.“ Was hat Saltzwedel, der seit mehr als einem Vierteljahrhundert beim „Spiegel“ arbeitet, geritten, Sieferle zu empfehlen? Die Mitteilung, er werde die Jury verlassen, ergänzte er jedenfalls mit der Erklärung, er habe „bewusst ein sehr provokantes Buch der Geschichts- und Gegenwartsdeutung zur Diskussion bringen“ wollen. Sieferles Aufzeichnungen seien „die eines final Erbitterten, gewollt riskant formuliert in aphoristischer Zuspitzung. Man möchte über jeden Satz mit dem Autor diskutieren, so dicht und wütend schreibt er.“ Provokation angekommen, Jury verkleinert, Sachbuch-Bestenliste beschädigt.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

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