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Kommentar : Zöllnerdämmerung

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Man kann sich aufregen, oder man rechnet es einmal durch. Zu Zeiten des Neuen Testaments war das Amt des Zöllners nicht sehr angesehen. Daß Jesus mit Zöllnern sprach - "Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm" (Lukas 15,1) -, um sie ...

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          Man kann sich aufregen, oder man rechnet es einmal durch. Zu Zeiten des Neuen Testaments war das Amt des Zöllners nicht sehr angesehen. Daß Jesus mit Zöllnern sprach - "Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm" (Lukas 15,1) -, um sie so gut und erlösungsfähig zu befinden wie irgendeinen, war ein demonstrativer Akt der Zuwendung zu Mißachteten. Moralisch verdächtig und unbeliebt waren die Zöllner damals, weil sie von fernen Herrschern Pfründen gepachtet hatten, also gegen die Solidaritätsnormen der lokalen Gemeinschaft Geld eintrieben. Die Bundesregierung hat die Erinnerung an diesen Zusammenhang nicht gescheut, als sie vor Tagen vorschlug, siebentausend Zöllner einzusetzen, um herauszufinden, wer alles Putzhilfen beschäftigt, ohne sie ordnungsgemäß anzumelden. An den meisten Grenzen braucht man die Beamten nicht mehr, so der Gedanke, laßt sie uns die polnischen und portugiesischen Zugehkräfte, die man an den Zollschranken nicht länger aufhalten kann, doch in den Wohnungen unserer Steuer- und Sozialbeitragshinterzieher aufspüren. Bis hierher kann man sich aufregen, die Motive sind bekannt. Jetzt die Rechnung. Damit, wie seitens des Finanzministeriums in Aussicht gestellt, durch die Maßnahme eine Milliarde Euro eingetrieben werden, müßte jeder Zöllner etwa 150000 Euro beibringen. Nimmt man plausiblerweise an, daß eine ordentlich geführte Putzfrau dem Staat jährlich ungefähr 400 Euro an Steuern einbringt - vier Stunden à 15 Euro jede Woche und ein Steuersatz von gut dreizehn Prozent -, hat jeder Zöllner 375 Putzfrauen im Jahr aufzuspüren. Urlaub, Feiertage und durchschnittliche Fehlzeiten eingerechnet, sind das mindestens vierzig im Monat. Die vielen bei Verfolgungsjagden über Dächer verletzten Zöllner sind dabei noch nicht eingerechnet. Angenommen, von einhundert Haushalten beschäftigen fünfzehn eine nichtangemeldete Hilfskraft. Angenommen weiter, wenn der Zöllner kommt, ist in jedem dritten Haushalt gerade keiner da. Und angenommen schließlich, bei denen, die da sind, erwischt der Zöllner durch Überraschungsbesuche nicht jede Putzfrau, sondern - die Putzwoche hat fünf Tage, aber der Freitag ist wahrscheinlicher als die anderen - nur, seien wir optimistisch, zwei von fünf. Dann muß der Zöllner jeden Monat bei etwa zweitausend Haushalten, also bei hundert am Tag vorbeischauen, um sein Pflichtteil zur Milliarde zusammenzubringen. Netto wird es mit dieser Milliarde dann ohnehin nichts. Einerseits, weil die Leute wieder mehr selber putzen und der Konsum der Putzfrauen, mithin die Mehrwertsteuereinnahme, entsprechend schrumpft. Andererseits, weil die so vielbeschäftigten Zöllner schnelle Wagen brauchen - wir denken an etwa 7000 BMWs - , einen psychologischen Dienst sowie Aufenthalte in Kurkliniken. Ohne Beratung durch Beraterwird es auch nicht gehen, weil ohne solche Beratung ja sowieso gar nichts mehr geht. Es würde sich mithin um äußerst erlösungsbedürftige Zöllner handeln. Vielleicht wäre es doch besser, sie Lastwagen zählen, aufschreiben und abkassieren zu lassen.

          kau

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