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Kommentar : Ziemlich fleckig

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Autographensammler haben es, wie alle Sammler, mit dem Authentischen. Doch die Handschriftenfreunde sind gewissermaßen Meisterfetischisten, können sie doch das Echte sogar in asketischer Schmucklosigkeit genießen.

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          Autographensammler haben es, wie alle Sammler, mit dem Authentischen. Doch die Handschriftenfreunde sind gewissermaßen Meisterfetischisten, können sie doch das Echte sogar in asketischer Schmucklosigkeit genießen. Anders als Leute, die den Ehrgeiz entwickeln, alle Erstdrucke norwegischer Briefmarken mit Sportmotiven, einen Spitzweg oder möglichst viele Jahrgangsteddybären zu besitzen, hält der Handschriftenfreund die pure unfarbige Originalität in Händen. Anderen Sammlern bestätigt die Unterschrift, daß etwas Schönes oder Bedeutsames auch echt ist. Ihm hingegen genügt oft die bloße Unterschrift auf einem Zettel selber oder daß Goethe seinem Weinhändler einen guten Tag und sich selbst zwölf Bouteillen Mosel gewünscht hat. Weder müssen die Schriftzüge anmutig oder auch nur lesbar sein, noch vermag eine völlig nebensächliche Mitteilung den Besitzerstolz zu gefährden. Sogar getippte Manuskripte oder Telegramme erfreuen des Fetischgläubigen Herz, sofern er nur weiß: Der Autor war es persönlich. Insofern mutet die scherzhaft gemeinte Beschreibung der Losnummer 2378 im neuen Katalog des Berliner Auktionshauses Jeschke, Greve & Hauff seltsam an. Zwischen "Hitler, Adolf. Verleihungsurkunde des Ehrenkreuzes der Deutschen Mutter" und "Hitler, Adolf - Sammlung von 4 Publikationen" steht da "Hitler, Adolf - Das originale und authentische Tagebuch Adolf Hitlers, letzter Teil, begonnen am 15. April 1945". Fünfundzwanzig der 56 Blätter seien "vom Führer unterschrieben", der letzte Wille "des Führers", ebenfalls von ihm unterfertigt, sei beigegeben. Die Authentizität der Handschrift könne bestätigt werden; sie stamme aus derselben Quelle, aus der auch ein deutsches Wochenmagazin vor Jahren geschöpft habe. Es folgen ein paar weitere Witze und der Hinweis, die Sache sei jetzt günstiger zu haben als damals; 7000 Euro beträgt die Taxe für den einen Band. Ausländischem Interesse wird mitgeteilt, das Tagebuch sei "composed by the calligraphy artist Konrad Kujau", der sechzig Bände davon für etwa zehn Millionen Mark einst an jene Zeitschrift verkauft habe. Nun war Kujau - über Tote nichts ganz Schlechtes - wohl mehr ein Knalligraph und lausiger Nachmaler als ein Künstler, und daß er die Hitlertagebücher "composed" hat, ist eine schönschreiberische Bearbeitung der Worte "faked" oder "forged". Für das gefälschte Gesamttagebuch sind die 440 000 Euro, auf die man rechnerisch kommt, wenn alle 63 Kujau-Schwarten zum Aufruf kämen, durchaus stattlich. Die neckische Beschreibung soll offenbar das Spekulieren auf vermögende Leute mit schlechtem Geschmack wegwitzeln. Von Nummer 2379, den Unterschriften Hitlers, Görings, Goebbels' und Himmlers in einem Bildband, heißt es entsprechend: "So wünschen sich Autographensammler (und andere . . .) Widmungsexemplare: die Größen Nazi-Deutschlands alle zusammen in einem Dokument!" - was um so seltener sei, als diese "An,führer'" einander doch "nicht besonders ,grün'" gewesen seien. Vielsagende Pünktchen, gutgelaunte Adjektive, augenzwinkernde Anführungszeichen, mit Humor geht offenbar alles besser, auch der Verkauf von - autographologisch gesprochen - deutlich angebräunten, sehr fingerfleckigen Objekten mit Fettspuren und Randläsuren.

          kau

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