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Kommentar : Wolfsburg

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Der Film hatte, freundlich geschätzt, zehntausend Zuschauer. Ins Kino kam er nur dank einer Sondergenehmigung des ZDF, denn er ist eine reine Fernsehproduktion, gedreht ohne Beihilfe der nationalen und föderalen Filmförderer, ohne ...

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          Der Film hatte, freundlich geschätzt, zehntausend Zuschauer. Ins Kino kam er nur dank einer Sondergenehmigung des ZDF, denn er ist eine reine Fernsehproduktion, gedreht ohne Beihilfe der nationalen und föderalen Filmförderer, ohne ein Stück jenes 200-Millionen-Euro-Kuchens, der jedes Jahr an deutsche Spielfilmproduzenten verteilt wird. Und dennoch ist Christian Petzolds "Wolfsburg" der große Gewinner der Nominierungen zum Bundesfilmpreis, die am Freitag abend im Berliner Hotel Adlon bekanntgegeben wurden. Gleich dreimal wurde "Wolfsburg" nominiert, für die beste Regie, die beste Hauptdarstellerin (Nina Hoss) und als bester Film; damit liegt er gleichauf mit Sönke Wortmanns "Das Wunder von Bern", dem mit gut drei Millionen Zuschauern erfolgreichsten Titel der diesjährigen Filmpreis-Auswahl. Mit dieser Entscheidung hat die Jury nicht nur die überragende Regieleistung von Christian Petzold honoriert, sondern ein Zeichen gesetzt, das hoffentlich auch in den kommenden Jahren wirkt, wenn nicht mehr ein vom Bund berufenes Gremium, sondern das Plenum der Mitglieder der neu gegründeten Deutschen Filmakademie die Kandidaten für den höchstdotierten deutschen Kulturpreis bestimmen wird. Denn natürlich wird es immer Filme wie Leander Haußmanns "Herr Lehmann" (drei Nominierungen) und Fatih Akins "Gegen die Wand" (vier Nominierungen) geben - Filme, die Bestsellerromane oder gesellschaftlich wichtige Themen auf die Leinwand bringen und von der Kritik wie vom Kinopublikum dafür belohnt werden (achthunderttausend Zuschauer für "Lehmann", knapp fünfhunderttausend für Fatih Akin). Auch an Dokumentationen wie Aelrun Goettes "Die Kinder sind tot" oder dem Ethnotränendrücker "Die Geschichte vom weinenden Kamel", welche die Herzen hartgesottener Filmprofis rühren (je eine Nominierung als bester Dokumentarfilm), dürfte in Zukunft kein Mangel herrschen. Aber ein perfekt gemachter, knapp kalkulierter und hochbewußter Krimi wie "Wolfsburg" wird in Deutschland immer die Ausnahme bleiben. Solche Filme entstehen fast nur noch im Fernsehen, weil ihre Regisseure nur dort die Produktionssicherheit genießen, die ihnen erlaubt, sich auf den kreativen Teil ihrer Arbeit zu konzentrieren. Und weil das deutsche Publikum sich an die Arbeitsteilung zwischen "Tatort" einerseits und amerikanischen Action-Blockbustern andererseits gewöhnt hat, bekommen Produktionen wie "Wolfsburg" im Kino selbst dann keine Chance, wenn sie es mit ihren europäischen Konkurrenten, etwa den Filmen von Claude Chabrol oder François Ozon, in jeder Hinsicht aufnehmen können. Der deutsche Film sei seit langem eine Sonderwirtschaftszone, scherzte die Kulturstaatsministerin Christina Weiss bei der Bekanntgabe der Nominierungen. So ist es - und das Genrekino ist deren ödester Fleck. Um so liebevoller sollte man alles pflegen, was dort gedeiht.

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