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Kommentar zur Flüchtlingshilfe : Wie stark ist Deutschland?

Zur Schau getragene Kraft: Bodybuilder Marius Drohne in Mumbai Bild: AFP

Deutschland zwischen Können und Wollen: Die Rede vom starken Land in Bezug auf die Aufnahme von Flüchtlingen ist zum beliebten Politikersatz geworden.

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          Deutschland begegnet einem im Augenblick an jeder Ecke. Es ist das Makrosubjekt, das für alles herhalten muss. „Wir schaffen das“, sagte die Kanzlerin zu Neujahr, „denn Deutschland ist ein starkes Land.“ Die Rede vom starken Land, als neue Formel der Selbstertüchtigung in Umlauf gebracht und publizistisch dienstfertig aufgegriffen, ist in Wirklichkeit ein Politikersatz. Man muss dann nicht mehr viel erwägen und begründen, es reicht der Hinweis auf die nationale Stärke (eine irgendwie wirtschaftlich-charakterlich-moralische Gesamtstärke), um Plausibilitäten zu schaffen.

          Je länger die Kanzlerin Deutschland als Schicksalsbegriff benutzt, desto mehr wächst freilich auch ihr persönliches Risiko, am Ende als jemand dazustehen, die mehr versprach, als sie halten konnte. Wie lange kann sie noch die große Großzügige geben (scheinbar offen für alle, „die bei uns Zuflucht suchen“), derweil die verschärfte Abschiebepraxis greift, der Familiennachzug blockiert wird, Wohnungen, Jobs und Schulen auf sich warten lassen und Europa, der Fluchtpunkt von Merkels „Plan“, die Dinge von Sitzung zu Sitzung weiter verschleppt? Je größer die Kanzlerin ihr Deutschland redet, desto schwerer kann es ihr auf die Füße fallen. Sagen die Enttäuschten nicht schon jetzt: Und wir dachten, Deutschland sei ein starkes Land? Ja, aber gebietet es nicht die christliche Nächstenliebe, die verfahrensgemäßen Kategorien von Recht und Politik hinter sich zu lassen, wenn Not am Mann ist? Waren es nicht Abgeordnete der Linken, die zu Recht das Evangelium im Bundestag zitierten: „Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen“ - so Dietmar Bartsch neulich vor den Parlamentariern, als sei die christliche Soziallehre als politische Agenda zu lesen.

          Theologische Nachhilfe kam von Reinhard Kardinal Marx in der dem kirchlichen homo politicus eigenen verblümten Art: Die Bibel in Politik zu übersetzen, bleibe „eine je neue Herausforderung“. Gewiss dürfe man die Sozialsysteme und die Integrationsfähigkeit unserer Gesellschaft nicht überfordern, Bartsch sei indessen kein Vorwurf zu machen, schließlich habe die Bibel über Jahrhunderte hinweg Europas Handeln und Denken ertüchtigt. Da kann, so muss man folgern, es der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei ja nur gut gemeint haben, wenn er im deutschen Namen Matthäus zitierte. Zumal Rainer Maria Kardinal Woelki in seiner Kölner Neujahrspredigt noch einen draufsetzte, als er in freier Allegorese die DDR-Mauer mit rechtlichen und politischen Standards von heute verglich: mit dem überrannten Dublin-Abkommen etwa oder mit der Kategorie sicherer Herkunftsstaaten, welche Woelki - in einem Atemzug mit ausländerfeindlicher Hetze - als die Mauern von heute bezeichnete. Deutschland ist, wie es scheint, noch für jede Exegese stark genug.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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