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Kommentar : Virus beißt Mensch

  • Aktualisiert am

Monströse Bilder verrottender Hühner und maskierter Leiber Bild: dpa/dpaweb

Hat H5N1 erst mal das Zeug, auf den Menschen überzuspringen, ist der wichtigste Schritt zur Pandemie getan. Und die Eskalation vorprogrammiert. Noch beschwichtigt die Weltgesundheitsorganisation.

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          Viele von uns wissen gar nicht mehr wohin mit den Ängsten über das, was sich da vor unser aller Augen und doch verborgen hinter den monströsen Bildern verrottender Hühner und maskierter Leiber abspielt, und deshalb wird natürlich auch jede Notiz von der Vogelgrippefront sorgsam protokolliert und sensibel aufgearbeitet.

          Nennen wir es Seelenfolgenabschätzung. Zugegeben, ein noch wenig standardisiertes, aber in der Ökonomie (siehe Merkel-Konjunkturoptimismus) und Politik (siehe Irankonflikt) schon durchaus etabliertes Instrumentarium der Deeskalation. Wie schwer freilich Politik, Medien und Wissenschaft - oder jedenfalls einige unter ihnen - mit diesem zwiespältigen Kommunikationsprinzip ringen, tritt nun ausgerechnet beim Umgang mit der Vogelgrippe zutage.

          „Unglücklichen Äußerungen“

          Nehmen wir Mike Perdue, einen eifrigen Virusforscher der Weltgesundheitsorganisation, der jetzt mit seinen in Van in der Osttürkei gesammelten Erkenntnissen vor die Öffentlichkeit getreten ist. Das Virus habe sich genetisch verändert und zeige Anzeichen einer Anpassung an den Menschen. Die Konsequenz liegt auf der Hand: Hat H5N1 erst mal das Zeug, auf den Menschen überzuspringen, ist der wichtigste Schritt zur Pandemie getan. Und die Eskalation vorprogrammiert. Perdu! Nun also war es am Chef der WHO-Influenzatruppe, Klaus Stöhr, Stunden später, nachdem die Nachricht vom dräuenden Todessprung des Virus immer größere Kreise zog, zu deeskalieren.

          Die "unglücklichen Äußerungen" seines Mitarbeiters bedeuteten keinesfalls, daß man Hinweise für ein Überspringen des Virus habe. Nein, der verhaßte Erreger könnte sich genetisch auf den Kopf stellen und alle seine viertausend Aminosäuren austauschen - solange es nicht zu Übertragungen von Mensch zu Mensch komme, sei uns eine Pandemie heute nicht näher als gestern.

          Im Krankenhaus von Van jedenfalls, wo der mit dem veränderten Virus infizierte Patient liegt und tagelang von weitgehend ungeschütztem Medizinpersonal behandelt worden ist, hat man weder infizierte Ärzte, ja nicht einmal hustende Krankenschwestern entdecken können. Der Schrecken der ominösen Mutationen im Hämagglutinin-Rezeptor des Virus aber wollte auch durch die Mitteilung nicht verpuffen, daß man dieselben schon vor mehr als zwei Jahren in Südchina bemerkt hatte. Es bleibt eine zermürbende Erfahrung, die die Wissenschaft mit den Bürgern teilt: Keiner weiß, wann die Stunde des Tamiflu schlägt. Ein oder zwei Mutationen müssen im Leben eines Influenzavirus jedenfalls nichts bedeuten. Freuen wir uns doch darüber.

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