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Kommentar : Theaternachmacher

  • Aktualisiert am

Es ist wieder Blutwursttag in Utzbach. ("Utzbach wie Butzbach"). Mit seiner schäbigen Wirtshaushinterzimmerbühne hat dieser Ort, naturgemäß als Stätte der legendären Niederlage des legendären Theatermachers Bruscon, Theatergeschichte gemacht.

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          Es ist wieder Blutwursttag in Utzbach. ("Utzbach wie Butzbach"). Mit seiner schäbigen Wirtshaushinterzimmerbühne hat dieser Ort, naturgemäß als Stätte der legendären Niederlage des legendären Theatermachers Bruscon, Theatergeschichte gemacht. Im Münchner Residenztheater hört man, während Bruscon im Napoleonskostüm seine Frau in den Scheinwerferkegel schiebt, ihr mit rüder Geste das Atomzeitalter ins Gesicht schminkt, "Madame Curie ist häßlich" brüllt, in der Ferne die Schweine jämmerlich quieken aus Angst vor dem drohenden Blutwursttod. Auf der großen Bühne des Staatsschauspiels ist die Reprise einer Reprise zu bestaunen. 1987 hatte Hans Lietzau im Zürcher Schauspielhaus Thomas Bernhards Komödie "Der Theatermacher" inszeniert. In die persönlichen Annalen des Regisseurs ging diese Inszenierung ein: als künstlerischer Halb-Erfolg. Weshalb er 1988 das Stück an den Münchener Kammerspielen unter der damaligen Intendanz Dieter Dorns noch einmal inszenierte. Mit Lambert Hamel in der Titelrolle und Tobias Moretti als des Theatermachers talentloser Sohn. Ein stabiler Erfolg: einhundertundfünf Vorstellungen in elf Jahren. Mitte der neunziger Jahre erlangte der Utzbacher Blutwursttag buchstäblich Kultstatus. Tobias Moretti, der übrigens als linkisches Null-Talent mit abstehendem Gipsarm eine ideale Fehlbesetzung war, ging inzwischen zu bester Fernseh-Sendezeit mit einem Schäferhund auf Ganoven-Jagd. Und in den ersten Reihen verzehrten sich junge Damen danach, mit dem Herrchen von Kommissar Rex einmal auf Tuchfühlung gehen zu dürfen. Jetzt hat Staatsintendant Dieter Dorn die alte Lietzau-Inszenierung wieder ausgegraben und höchstselbst die Wiederaufnahmeproben geleitet. Zu bewundern ist ein Genauigkeitsexzeß: Lambert Hamel und Jennifer Minetti treten als Impresario-Paar in ihre eigenen Fußstapfen. Die Rollen der Kinder und der Utzbacher wurden neu besetzt, Ezio Toffoluttis Saalhölle mit Spinnweben inklusive Hitlerbild aber originalgetreu wiederaufgebaut. Das Theater: ein Museum. Dächte man das Konservierungsexperiment weiter, könnte man im nächsten Jahr am selben Ort Rudolf Noeltes "Kirschgarten", gegenüber an den Kammerspielen aber Fritz Kortners "Kabale und Liebe" ausgraben, im fernen Berlin womöglich den Ur-Courage-Karren der Weigel von 1949 noch einmal über die Bretter rollen oder Peter Steins "Drei Schwestern" von 1984 in ganzer Breite am Leben leiden lassen. In den Theaterferien, träfen sich dann alle Nachlaßverwalter und Wiederaufnahmeleiter zu einem "Festival im alten Stil" - etwa im Ruhrgebiet, der proletarischen Heimat des Theatermachers Frau. Die Bochumer Jahrhunderthalle könnte gut die riesige Theaterkonservendose abgeben, randvoll mit eingemachten Menschheitskomödien, Epochenstücken und Geniestreichen - ohne Verfallsdatum und mit dem Gütesiegel Bernhardscher Tonart: "Nicht ein einziger Verriß." Wenn ein traditionsreiches Unternehmen sein Tafelsilber verscherbelt, ist das in der Regel ein Zeichen dafür, daß alle anderen Ressourcen erschöpft sind. Wenn ein Theater aber sich anschickt, Gutes von gestern auf die Bühne von heute zu bringen, dann ist es, als trügen die Schauspieler lauter Masken einer erloschenen Leidenschaft.

          m.p.

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