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Kommentar : Sein Gott

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Am Wochenende hatte man den Eindruck eines gewaltigen Déjà-vu: Soll nun wirklich das Rad der biopolitischen Debatte neu erfunden werden? In Reaktion auf den Einfall der Justizministerin Zypries, der befruchteten Eizelle die Menschenwürde ...

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          Am Wochenende hatte man den Eindruck eines gewaltigen Déjà-vu: Soll nun wirklich das Rad der biopolitischen Debatte neu erfunden werden? In Reaktion auf den Einfall der Justizministerin Zypries, der befruchteten Eizelle die Menschenwürde abzusprechen, hagelte es Debattenbeiträge in Zeitungen, Funk und Fernsehen. Zwei Beispiele der metaphysischen Art. Beispiel eins: Volker Gerhardt reagierte mit einer Vortragsankündigung. Gerhardt, in Schröders Ethikrat Sprecher des Referats therapeutisches Klonen und Euthanasie, will übermorgen am Bodensee das Thema "Gott" behandeln (18 Uhr s.t., Universität Konstanz, Hörsaal A 701). Kenner der Kant- und Nietzsche-Forschung gehen davon aus, daß es in Gerhardts Konstanzer Gottesrede nicht um das Aufwärmen alter Brötchen gehen wird, sondern um das Klonen als einem demiurgischen Geschäft. Das wäre in der Tat eine lebensdienliche Weise, die antike Gottesidee für eine "Enzyklopädie der Ideen der Zukunft" (Vortragsankündigung) fruchtbar zu machen. Frau Zypries soll Gerhardts Gottesprojekt bereits als rechtlich unbedenklich eingestuft haben. Und der Kanzler ließ kurz angebunden wissen, er stehe jeder neuen Zukunftsidee im übrigen positiv gegenüber. Ambitionistisch auch das zweite Beispiel aus der Fülle der Zypries-Reaktionen. Hubert Markl, ehemals Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, zieht in der "Welt" gegen "naive Begriffsnaturalisten" und "krude Biologisten" zu Felde. Das sind seiner Meinung nach all jene, die der rechtspolitischen Mehrheitsmeinung in unserem Land anhängen, wonach dem Menschen schon im Stadium der befruchteten Eizelle Würde zukommt. Markl ist dafür, daß "Geisteswissenschaftler, die Begriffe wie ,Mensch' definitorisch justieren wollen, nicht einfach auf Naturtatsachen zurückgreifen, als liefere der Blick ins Mikroskop eine Letztentscheidung über Wortbedeutungen". So weit, so kulturalistisch aufgeklärt, sollte man meinen. Doch bei näherem Hinsehen hat Markl gar nichts gegen eine biologische Begriffsbestimmung des Menschen. Gegen eine biologische Faktensicht ist er nur, wenn sie zur Unzeit erfolgt. Kommt sie zur rechten Zeit, ist sie kein Begriffsnaturalismus, sondern über jeden Zweifel erhaben: "Wenn schließlich ein Baby geboren, abgenabelt und lebensfähig ist, so kann es aus biologischer Faktensicht keinen Zweifel geben: Das ist ein Mensch mit allen Eigenschaften eines neugeborenen individuellen Homo sapiens." Markl scheint genau zu wissen, was er erkennen will. Pausbäckiges Geschrei auf dem Wickeltisch ist ihm ein biologisches Faktum, das laut und deutlich zu Wort kommen darf - und uns entzückt "Homo sapiens" ausrufen lassen soll. Der Herzton des feingliedrigen Wesens im Ultraschall dagegen ist ihm ein biologisches Faktum, das uns gefälligst nichts sagen darf, das fein stille zu schweigen hat - bei Strafe des Biologismusvorwurfs. Markls Erkenntnistheorie ist schwere Babykost. Sie ist so wählerisch wie Gerhardts Gottesrede. Noch liegt der Bodensee still.

          gey

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