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Kommentar : Planktonaufstand

  • -Aktualisiert am

In Russland hat sich unvermutet eine neue basisdemokratische Protestbewegung gebildet: Die Büroangestellten proben den Aufstand nach der Wahl.

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          In Russland geschehen noch Wunder. Man könnte meinen, der Reliquienbesuch des Gürtels der Gottesgebärerin habe das mit Propagandaersatzstoffen gemästete Volk plötzlich basisdemokratisch erleuchtet. Die „Show fürs Herdenvieh“, wie das Wahlritual im Slang der Eliten heißt, hat auf von niemandem geahnte Weise bei vielen apolitischen Russen das Gefühl persönlicher Würde geweckt. Die geschätzten zwanzig- bis achtzigtausend Menschen, die am Bolotnaja-Platz für Neuwahlen und ein Russland ohne Putin demonstrierten, waren Jugendliche, aber auch ältere Leute, mehrheitlich jedoch Büroangestellte - dasselbe „Office-Plankton“, das auch in der Schlange vor dem durchreisenden Reliquienschrein stark vertreten war. Der Schriftsteller Boris Akunin, eigens aus der französischen Provinz zur Samstagskundgebung eingeflogen, bekannte, er habe weder ein solches Moskau für möglich gehalten noch geglaubt, dass er je auf einer Demonstration sprechen werde. Akunin mahnte die Menge, ein Koordinationszentrum und Unterhändler zu ermächtigen, damit ihre Empörung nicht folgenlos verpufft. Die Botschaft des einsitzenden Juristen und Bloggers Alexej Nawalnyj, der aus der Zelle verkündet, das Gefühl der eigenen Würde sei die stärkste Waffe, klingt wie die eines gefangenen Propheten. Ihm und allen sei klargemacht worden, dass die Wahlfälschung zugunsten der Partei der Betrüger und Diebe ebenso notwendig sei wie die Verwandlung der Bürger in Kröten und Ratten, damit es weiter Stabilität und Wachstum gebe, erklärt Nawalnyjs in seinem auf dem Bolotnaja-Platz verlesenen Sendschreiben. Tatsächlich waren die Sonderpolizisten, die wieder mit kugelsicherer Weste, Schlagstock und „Kosmonauten“-Helm anrückten, wie ausgewechselt, ausnehmend freundlich. Wofür die Menge ihnen Blumen reichte und skandierte „Die Polizei unterstützt das Volk“. Die Macht des Leiters der Zentralen Wahlkommission, Wladimir Tschurow, den Präsident Medwedjew beziehungsreich als „Zauberer“ apostrophierte, scheint angeschlagen - trotz seines Bartes, worin, dem russischen Märchen zufolge, die magischen Kräfte böser Zauberer steckten, vermerkte Nawalnyj. Daher wurde am Samstag auch immer wieder „Tschurow, Bart ab!“ geschrien. Erstmals berichtete sogar das offiziöse Staatsfernsehen über die Protestkundgebungen. Die schwerste Aufgabe steht freilich noch bevor. Nach der Internet-Öffentlichkeit muss auch die russische Justiz davon überzeugt werden, dass die Strafgesetzgebung zur Wahlprozedur beim Wort zu nehmen ist.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

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