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Kommentar : Mein Vetter Känguruh

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Verwandtschaft unschwer zu erkennen Bild: dpa

Jedem Tierchen sein Genomprojekt! Denn wollten wir uns bei der Entschlüsselung des Erbguts auf die eigene Spezies, am Ende gar allein auf Craig Venter beschränken, könnte uns der utilitaristische Ethiker Peter Singer mit Recht das ...

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          Jedem Tierchen sein Genomprojekt! Denn wollten wir uns bei der Entschlüsselung des Erbguts auf die eigene Spezies, am Ende gar allein auf Craig Venter beschränken, könnte uns der utilitaristische Ethiker Peter Singer mit Recht das vorwerfen, was er "Speziezismus" nennt - eine anthropologisch motivierte Form der Mißachtung anderer Arten.

          Doch jetzt hilft gerade Singers Heimatland Australien kräftig mit dabei, daß auch andere Wirbeltiere genetisch analysiert werden. Und welches Tier dürfen wir im Mittelpunkt dieses australischen Programms vermuten? Känguruh ist richtig! Gibt's nur in Australien. Weiß jeder. Allerdings nicht irgendein Känguruh, sondern das besonders niedliche Wallaby. Von Natur aus lediglich fünfundvierzig bis achtundsechzig Zentimeter lang, könnte es nun zu einer wissenschaftlichen Größe werden, die ihresgleichen sucht.

          Verwandtschaft Wal laby und Mensch

          Denn wie aus dem anscheinend wallabygesegneten australischen Bundesstaat Victoria verlautet, rechtfertigt der dortige Forschungsminister seinen Zuschuß in Höhe von umgerechnet anderthalb Millionen Euro zu dem auf insgesamt fünfundvierzig Millionen veranschlagten Dekodierungsprojekt mit der besonders interessanten Verwandtschaft des Wallabys zum Menschen.

          Nun leuchtet das ohnehin jedem Flaneur ein, denn die grassierende Rucksack- und Tragetüchermanie auf unseren Straßen ist ja kaum zu übersehen. Auch daß in Ostdeutschland die Tüte konsequent als "Beutel" bezeichnet wird, erscheint mit einem Mal in neuem Licht. Doch zur Sicherheit ergänzt der Minister den Augenschein noch um wissenschaftliche Aspekte. Das Känguruh, so läßt er in feinsinniger Spekulation auf noch größere Sympathie verlautbaren, sei ein entfernter Vetter des Menschen. Entfernt ist gut; das erklärt wenigstens, warum der werte Anverwandte noch nie aufgekreuzt ist, wenn wir in der Tinte saßen. Unser gemeinsamer Ahnherr soll vor angeblich rund hundertdreißig Millionen Jahren gelebt haben, und hätte sich der Kontinent, auf dem unser gebeutelter Cousin sich seinerzeit angesiedelt hatte, nicht schleunigst davongemacht, hätten wir gewiß besser zusammengehalten.

          Huhn und Maus

          Andere Teile der Verwandtschaft, Base Huhn und Vetter Maus zum Beispiel, blieben uns zwar erhalten, sind aber ungleich weiter (nämlich über dreihundert Millionen Jahre hinweg) respektive deutlich näher (über nur achtzig Millionen Jahre hinweg) mit uns verwandt. Diese beiden Tiere sind bislang die Vorreiter bei Genomprojekten. Vetter Wallaby füllt nun die chronologische Lücke, und da er etliche Eigenschaften besitzt, die wir gerne erben würden - etwa Immunität gegen Zeckenbisse -, ist der Forschungsminister optimistisch, weitere Geldgeber zu finden. Allerdings nur unter Menschen. Denn Känguruhs mögen besonders nahrhafte Milch produzieren und eine brillante Farbwahrnehmung besitzen, aber Känguruhs haben ja auch kein Geld, jedenfalls keine fünfundvierzig Millionen. Wenn wir dem Wallaby sagen, wir sind mit ihm verwandt, schnorrt es uns bestimmt an. Vielleicht lassen wir es doch besser da hinten in den australischen Weiten.

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