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Kommentar : Kriegsgründe

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Alles schon mal dagewesen? Bild: AP

Ist George W. Bush ein Wiedergänger Franklin D. Roosevelts? Bevor Amerika in den Krieg gegen Hitlers Deutschland zog, skizzierte der damalige Präsident ein Bedrohungsszenario. Entscheidende Fakten waren falsch.

          2 Min.

          Der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt hielt am 27. Oktober 1941, als die Vereinigten Staaten offiziell noch neutral waren, tatsächlich aber massiv Rüstungsgüter an Großbritannien lieferten, eine Rede über die deutsche Bedrohung.

          „Ich besitze“, so Roosevelt, „eine geheime Karte, hergestellt in Deutschland von Hitlers Regierung. Es ist eine Karte von Süd- und zum Teil von Mittelamerika, und sie zeigt, wie Hitler die Region reorganisieren will. Heute gibt es in diesem Gebiet vierzehn unabhängige Staaten. Die Geographie-Experten in Berlin aber haben rücksichtslos die bestehenden Grenzen ausradiert und Südamerika in fünf Vasallenstaaten aufgeteilt, um den gesamten Kontinent unter ihre Herrschaft zu bringen. Und sie planen, in das Territorium eines dieser Marionettenstaaten auch Panama einzugliedern - und unsere große Lebensader, den Panama-Kanal.“

          Damit, so Roosevelt, sei bewiesen, daß die Nazis nicht nur Südamerika, sondern unmittelbar die Vereinigten Staaten bedrohten. Aber nicht genug: Noch ein anderes Dokument besitze die Regierung. Man habe Kenntnis von einem deutschen Geheimplan zur Abschaffung jeglicher Religion - der protestantischen, katholischen, muslimischen, hinduistischen, buddhistischen und der jüdischen. Das Kreuz ebenso wie alle anderen religiösen Symbole sollten künftig verboten werden, man plane die Errichtung einer internationalen Nazi-Kirche, deren Prediger aus Berlin in alle Länder entsandt würden, um der Welt „Mein Kampf“ als „heilige Schrift“ aufzuzwingen.

          Natürlich, so Roosevelt weiter, werde man in der zensierten Presse der Achsenmächte die Existenz solcher Pläne leugnen. Natürlich - denn es gab sie nicht. Man kennt heute sogar den Namen des Fälschers, der die Karte fabrizierte. Eine parlamentarische Untersuchung blieb Roosevelt erspart, denn sechs Wochen später kamen Pearl Harbor und die deutsche Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten. Hätte es im Oktober 1941 keine anderen Gründe für den Kriegseintritt gegeben? Hatten nicht die deutschen Einsatzgruppen an der Ostfront schon mit ihrem grausigen Werk begonnen? Roosevelt stimmte seine Rede ganz auf die Bedürfnisse der Innenpolitik ab: Die Frage war, wie sich eine zögernde Nation nachhaltig mobilisieren ließe. Und diese Frage stellt sich in jedem Krieg aufs neue.

          Hans Blix, der ehemalige Waffeninspekteur der Vereinten Nationen, ist in diesen Tagen noch einmal auf die Behauptung von Tony Blair zurückgekommen, das Regime von Saddam Hussein könne innerhalb von 45 Minuten mit seinen Massenvernichtungswaffen zuschlagen - Blix spricht von einem „fundamentalen Fehler“ und einer Überinterpretation. Eine der großen methodischen Leistungen der antiken Historiker war die Unterscheidung zwischen den Ursachen eines Krieges, die über Jahrzehnte gewachsen sein mögen, und seinem Anlaß. Nicht erst seit gestern wissen wir, daß ein drittes Moment hinzutreten muß: Man braucht, unabhängig von den eigentlichen Kriegsgründen, die nicht immer leicht vermittelbar, manchmal direkt unpopulär sind, einen psychologischen Schlüsselreiz, auf den die Bevölkerungen zuverlässig reagieren. Im ersten Golfkrieg hatte Hans Magnus Enzensberger von Saddam als „Hitlers Wiedergänger“ gesprochen. Aber Wiedergänger gibt es offenbar auf jeder Seite.

          Lorenz Jäger
          Freier Autor im Feuilleton.

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