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Kommentar : Knabenlese

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Was für ein Wehklagen geherrscht haben muß, wenn osmanische Soldaten ausschwärmten, um in den balkanischen Provinzen der Türkei christliche Jungen für die Janitscharentruppe des Sultans auszuheben, beschreibt der Literaturnobelpreisträger ...

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          Was für ein Wehklagen geherrscht haben muß, wenn osmanische Soldaten ausschwärmten, um in den balkanischen Provinzen der Türkei christliche Jungen für die Janitscharentruppe des Sultans auszuheben, beschreibt der Literaturnobelpreisträger Ivo Andric in seinem bekanntesten Roman, der "Brücke über die Drina". Da ist von verzweifelten Müttern zu lesen, denen man den gesündesten Sohn entrissen hat, auch von Eltern, die ihre Kinder lehren, sich als geistesschwach oder hinkend zu verstellen, sie in Lumpen verkommen lassen oder ihnen Finger abschneiden, nur damit die Häscher des Sultans sie nicht fortnehmen. Einem der aus bosnischen Bergdörfern geraubten und in Istanbul zum Muslim umerzogenen Jungen steht bei Andric jedoch nicht ein levantinisches Sklavenschicksal bevor, sondern eine glänzende Karriere als Großwesir. Auf der Höhe seiner Macht erinnert sich der Vertrauensmann des Sultans an seine bosnische Kindheit, läßt bei Visegrad die berühmte Brücke über den Grenzfluß zwischen Bosnien und Serbien bauen und verschafft so dem Türkenjoch und seiner häßlichsten Begleiterscheinung, der Knabenlese, eine segensreiche Langzeitfolge. Gut ein Jahrhundert nach dem Zerfall der osmanischen Herrschaft gibt es wieder eine Knabenlese auf dem Balkan. Nur erfaßt sie inzwischen junge Menschen beiderlei Geschlechts, die ihre Dörfer und Städte freiwillig verlassen. Sie heißt jetzt Brain-Drain, und ihr Ziel sind Universitäten und Arbeitsplätze - kurz: ein besseres Leben - in Amerika oder Westeuropa. Oft wird in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, aber auch auf dem Balkan beklagt, was für verheerende volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen die Abwanderung von so vielen gebildeten jungen Leuten für die ohnehin überalterten und kinderarmen Gesellschaften dieser Länder habe. Das Gegenteil haben jüngst Wissenschaftler des Bulgarischen Instituts für Marktwirtschaft in Sofia behauptet. Wer seiner Heimat den Rücken kehren wolle, solle das nur tun, denn das sei gut für das Land, ermuntern die Fachleute junge Bulgaren in einer Studie. Sie zitieren dabei nicht nur Berechnungen des Bulgarischen Statistischen Instituts, laut denen im Ausland verdienende Bulgaren im vorvergangenen Jahr Geld in Höhe von knapp vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts (oder 85 Prozent der staatlichen Ausgaben für Bildung und Gesundheit) in die Heimat überwiesen haben. Sie prognostizieren auch, daß viele Auswanderer eines Tages, wenn Bulgarien wirtschaftlich den Anschluß an Westeuropa gefunden hat, zurückkehren und mit ihren im Ausland erworbenen Kenntnissen dann ungemein wertvoll für das Land sein werden. So wie Milen Weltschew, Jahrgang 1966, oder Nikolai Wassilew, geboren 1969, die nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ihre Heimat verließen, um bemerkenswerte Karrieren an Universitäten und Banken in Tokio, New York und London zu verfolgen. Vor einigen Jahren kamen sie zurück. Weltschew ist heute Finanzminister, Wassilew stellvertretender Regierungschef. Sie sind nicht unumstritten, doch daß sie ihrem Staat mit ihren Fähigkeiten und Kontakten viele politische Brücken in den Westen gebaut haben, ist mehr als einmal behauptet worden.

          tens.

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