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Kommentar : In Berlin zerbrach ein Stück griechischer Klassik

  • -Aktualisiert am

Beim Aufbau einer groß angelegten Ausstellung zur „Griechischen Klassik“ in Berlin entstand ein unwiederbringlicher Schaden.

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          Ende vergangener Woche eröffnete im Berliner Martin-Gropius-Bau eine höchst ambitionierte, wissenschaftliche Ausstellung ihre Pforten, die sich der Kunst an den Wurzeln der europäischen Demokratie widmet, der griechischen Klassik des 5. und 4. Jahrhunderts vor Christus.

          Bei der Installation von über 700 Stücken aus 110 Museen aus aller Welt kam es, wie erst jetzt bekannt wurde, zu einem Zwischenfall: Drei Blöcke eines über sechs Meter langen Steinfrieses, „Heroon von Trysa“, aus einem Fürstengrab des frühen 4. Jahrhunderts v.Chr., das im heute türkischen Gölbasi gefunden wurde, sind umgestürzt und zerbrochen.

          Einzigartige Kulturgüter

          Unschätzbar ist der Schaden, denn auch eine Restaurierung macht aus den zerbrochenen Stücken keine ganzen mehr. „Der Fries ist eines der wenigen, wenn nicht das einzige Beispiel für das Ausgreifen der griechischen Kunst in die Randgebiete,“ meint Wilfried Seipel, als Direktor des Kunsthistorischen Museums in Wien Leihgeber der Tafeln. Die lydische Darstellung ist zudem das einzigartige Zeugnis einer erfolgreich abgewehrten Stadtbelagerung aus dieser Zeit.

          Was ist geschehen? Bei der Aufstellung des 2.380 Jahre alten Frieses hielt eine schräg gestellte Stellwand in der Ausstellung der Last des schweren Steines nicht Stand. Die Stellage zerbrach und mit ihm das Werk eines hochbegabten Künstlers. Auch wenn der Leihgeber nun das Unglück vor der Presse großzügig als „Glück im Unglück“ herunterspielt und die Bruchkanten der Stücke ohne Splitterungen relativ leicht zu restaurieren sind, erscheint das Unglück als Alarmzeichen ganz anderer Art.

          Sicherheit ist höchste Pflicht

          Bei all der Pracht und Wissenschaftlichkeit, die so eine Schau vor dem Publikum öffentlich entfaltet, bleibt im Budget häufig nicht der nötige finanzielle Spielraum, um im nicht-wissenschaftlichen Bereich auf höchster fachlicher Qualität zu bestehen. Wilfried Seipel fordert in seiner ersten Stellungnahme zwar mehr Achtung vor der fachlichen Kompetenz von Restauratoren und Kunsthistorikern gegenüber den Ausstellungsarchitekten. Dabei sind es ja aber gerade nicht die Wissenschaftler, die die Belastbarkeit von Stellwänden beurteilen, sondern die Ausstellungsarchitekten.

          Und da erstaunt es, dass man eine Firma für Theater-, Film und Messeausstattung wie den Berliner Chamäleon Service mit einer so verantwortungsvollen Aufgabe betraut hat. Auch, wenn die Firma schon die „Sieben Hügel“ Ausstellung und andere große Unternehmen im historischen Museum Berlin ausgestattet hat. So steht und fällt im wahrsten Sinne des Wortes doch einmaliges Gut europäischer Hochkultur mit der Verlässlichkeit und handwerklichen Fachkompetenz einer solchen Firma, die in diesem Fall vielleicht überfordert war. Man fragt sich, ob hier, wieder einmal, an der falschen Stelle gespart wurde.

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