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Kommentar : Hummtata

  • Aktualisiert am

Der deutschen Sprache bleibt zur Zeit auch nichts erspart. Jetzt hat auch noch Hessens Kultusministerin entdeckt, daß ihr Herz für die Muttersprache schlägt. Und zwar in einem Takt, der seltsam an Militärmusik erinnert.

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          Der deutschen Sprache bleibt zur Zeit auch nichts erspart. Jetzt hat auch noch Hessens Kultusministerin entdeckt, daß ihr Herz für die Muttersprache schlägt. Und zwar in einem Takt, der seltsam an Militärmusik erinnert. Mit großem Hummtata erklärt Karin Wolff auf der Homepage der Landesregierung, daß sich die Rechtschreibregeln durch die Reform "zweifellos" besser erlernen ließen. Zweifellos? Haben die zahlreichen, langjährigen Proteste deutscher Schriftsteller von Enzensberger über Grass bis Walser, haben die Petitionen der bedeutendsten Akademien des Landes, haben die Umfrageergebnisse der Meinungsforscher nicht einmal die leisesten Zweifel bei der Ministerin wecken können? Offenbar nicht. Das große Hummtata, mit dem ihr Herz neuerdings für die deutsche Sprache schlägt, muß alles andere übertönt haben. Oder hält Frau Wolff es mit dem alten Herbert Wehner, der ein schlagendes Gegenargument einmal mit den Worten abtun wollte: "Verstanden habe ich Sie schon, aber nicht gehört. Auf dem Ohr bin ich nämlich taub"? Immerhin reicht das Augenlicht der Politikerin noch, das Chaos zu erkennen, das die Rechtschreibreform herbeigeführt hat. Allerdings verwechselt sie Ursache und Wirkung, wenn sie jetzt kämpferisch behauptet, "einige Chefredakteure" hätten eine Debatte "angezettelt". Wie kann man eigentlich eine Debatte anzetteln, die seit Jahren geführt wird? Die Verantwortlichen beim "Spiegel", den Springer-Verlagen und der "Süddeutschen Zeitung", die unlängst die Rückkehr ihrer Blätter zur bewährten Rechtschreibung ankündigten, haben die heftigen Diskussionen der letzten Jahre aufmerksam verfolgt und schließlich die Konsequenz daraus gezogen. Daß sie ihre Entscheidung getroffen haben, weil die Verleger und Chefredakteure dazu beitragen wollen, das Chaos zu beenden, hat Frau Wolff gewiß verstanden, aber offenbar nicht gehört. "Hessen", so schreibt sie auf ihrer Homepage www.hessen.de, "setzt diesem Chaos politische Verläßlichkeit und inhaltliche Informationen entgegen." Zu diesen Informationen gehört auch die Auskunft des Ministerpräsidenten Roland Koch, er werde sich wohl nie daran gewöhnen, daß man Thunfisch künftig ohne h schreiben soll, weil seine Ministerin, hummtata, es so wünscht. Koch, das ist die Botschaft des hessischen Tunfischs, geht der Machtfrage in seinem Kabinett aus dem Weg. Im Bereich der Zeitungen, Magazine und Buchverlage stellt sie sich ohnehin nicht. Die Kultusminister haben nicht darüber zu bestimmen, welcher Rechtschreibung die deutschen Medien folgen. Es geht sie nichts an. Und weil das so ist und nie anders war, muß man sich mit wachsender Besorgnis fragen, wie borniert, zutiefst verunsichert und auf den eigenen Machterhalt fixiert eine Politikerin sein muß, wenn sie die Rechtschreibreform einzig und allein innerhalb der Kategorien von Machterhalt und Hummtata betrachten kann. Als diese Zeitung vor vier Jahren nach einer Erprobungsphase zur bewährten Rechtschreibung zurückkehrte, dachte sie nicht daran, daß irgendein Landespolitiker in Wiesbaden, Mainz oder Schwerin dies als persönliche Provokation auffassen könnte. Sie hat, es muß einmal heraus, überhaupt nicht an Landespolitiker in Wiesbaden, Mainz oder Schwerin gedacht, sondern an ihre Leser - auch an diejenigen unter ihnen, die noch zur Schule gehen.

          igl

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