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Kommentar zum Einschweißen : Was wird aus den Folianten?

Weniger Plastikmüll: Nach vielen Vorreitern, wie zum Beispiel dem Suhrkamp Verlag, will jetzt auch der Hanser Verlag keine Bücher mehr einschweißen. Bild: Andreas Müller

Nach dem Plastik-Beschluss der EU folgt jetzt Hanser dem Beispiel anderer Verlage und schweißt Neuerscheinungen nicht mehr ein. Werden die Bücher dadurch teurer?

          Dass Bücher zum Lesen da sind, liegt auf der Hand und leider auch, dass Bücher das Lesen nicht unbeschadet überstehen: Einmal von vorn nach hinten durchgeackert, und der Buchrücken ist krumm, vielleicht sogar, bei Taschenbüchern, angeknickt, und wer das Buch zwischendurch aufgeklappt hingelegt hat, um eine Lesepause einzulegen, wird die Stelle noch nach Wochen wiederfinden. Wer gar ein Buch verleiht, muss mit allem rechnen, von der Nutellaspur bis zu Anstreichungen, wie sie leidenschaftlichen Lesern wohl selbstverständlich sind. Andererseits aber denken viele beim Bücherkauf gar nicht ans Lesen, sondern ans Verschenken und begrüßen daher die dem Selbstleser eher lästigen Plastikfolien, in die gebundene Bücher von ihren Herstellern gern eingeschweißt werden.

          Schließlich ist die Tatsache, dass man gedruckte Bücher besser verschenken kann als E-Books, ein oft genannter Vorteil gerade dieser Publikationsform, den man nicht durch geknickte Seiten oder eingerissene Schutzumschläge aus der Hand geben will.

          Nun haben sich das europäische Parlament und Vertreter der Mitgliedstaaten am Mittwoch auf ein Verbot für verschiedene Wegwerfprodukte aus Plastik geeinigt, und vorgestern früh gab der Hanser Verlag bekannt, dem Beispiel anderer Verlage zu folgen und künftig keine Neuerscheinungen mehr einschweißen zu wollen – „lediglich hochpreisige Bände mit besonderer Ausstattung sollen weiterhin foliert werden“, diejenigen Bücher also, die man eher anderen schenkt als für sich selbst erwirbt.

          Kein Zweifel, die Zeiten, als man noch fröhlich „plastique“ auf „fantastique“ beziehungsweise „Zaubertrick“ reimte (Nena, 1983), sind vorbei, spätestens seit die Plastikreste die Meere und dort die Schildkröten- und Walfischmägen und über die Nahrungskette unsere eigenen erreicht haben.

          Für die Verlagsbranche aber steckt in der Abkehr vom Ideal des unberührt frischen Buchs sogar eine Chance: J.J. Abrams Roman „S“, erschienen 2015 bei Kiepenheuer&Witsch, trägt ab Werk bereits eine Fülle von Gebrauchsspuren wie bekritzelte und beschmierte, gar angegilbte Seiten und einen beklebten Buchrücken. Neu kostete es damals 45 Euro, gebraucht wird es derzeit mit bis zu 195 Euro gehandelt. Mancher ist offenbar bereit, für den Nachweis stattgefundener Lektüre tief in die Tasche zu greifen. Leidenschaftliche Leser kommen billiger weg.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

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