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Kommentar : Grüner fliegen

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Es hätte so schön sein können. Ein Bootsausflug auf dem Rio Tapajos, eine Jeep-Tour durch den Regenwald mit anschließender Übernachtung in einer "Eco-Lodge", ein bißchen Nationalpark hier, ein wenig Agraralkohol dort - Ökotourismus ...

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          Es hätte so schön sein können. Ein Bootsausflug auf dem Rio Tapajos, eine Jeep-Tour durch den Regenwald mit anschließender Übernachtung in einer "Eco-Lodge", ein bißchen Nationalpark hier, ein wenig Agraralkohol dort - Ökotourismus der gehobenen Sorte eben, nah dran am Elend und doch komfortabel. Anflug mit der Lufthansa nach São Paulo, dort Umsteigen in den Challenger-Jet der Bundesluftwaffe für die Inlandsflüge. Aber die vorauseilende Challenger kam nie an, damals im Oktober 2003. Die Piloten erhielten über den Kanarischen Inseln Befehl zum Umdrehen. Den Ausflug vermieste den grünen Ministern Renate Künast und Jürgen Trittin eine zeitgleich laufende Recherche des "Spiegel". Nun hat auch noch der Bundesrechnungshof nachgetreten und die beiden Volksvertreter wegen Mißmanagements gerügt. 96 000 Euro kostete die sinnlose Flugschleife; ohne Storno wäre der Abstecher viel teurer gekommen, vom Kerosinausstoß für zwei Umweltschützer nicht zu reden. Insofern war das vom Verteidigungsministerium initiierte Bremsmanöver praktizierte "Energiewende", für die Jürgen Trittin so lange kämpft, bis er vor lauter Windrädern die Wolken nur noch vom Flugzeug aus sehen kann. Daß man, wie der "Spiegel" herausfand, für die Hälfte der entstandenen Kosten in Brasilien eine Woche ein Flugzeug hätte mieten und für zweihundert Euro Linienflüge hätte buchen können - geschenkt. Daß der Ausflug nicht in die Kategorie "zwingendes Amtsgeschäft" gefallen ist, das erst die Benutzung der Flugbereitschaft sinnvoll gemacht hätte - sei's drum. Daß die Grünen mit Rezzo Schlauch und Cem Özdemir bereits zwei Überflieger haben, deren Bonusmeilenleidenschaft sich als bedrohlich erwiesen hat - was soll's. So ist das nun einmal in der parlamentarischen Demokratie: Wenn der Oligarch fliegen will, dann fliegt er. Den Wählern ist das, das hat die politische Soziologie schon vor hundert Jahren herausgefunden, piepegal. Auch daß sich revolutionäre Parteien am radikalsten hierarchisieren und den Gepflogenheiten der Oligarchie anpassen, ist den Grünen vertraut ("Mein langer Flug zu mir selbst"). Es wäre alles wie immer, befände sich nicht der Souverän in einem gereizten Zustand. Häuslebauer und Sparbuchbewahrer können bald ihren Zapfsäulenheiligen nicht mehr betanken, weil der Oligarch nicht von der Ökosteuer lassen will. Statt dessen soll dieser unheimliche, unbedingte Sparwille im Volke gebrochen werden. Es muß wieder konsumiert werden, notfalls per Gesetz. Insofern ist die Rüge des Bundesrechnungshofes kontraproduktiv, trifft sie doch eigentliche Vorbilder: Künast und Trittin sind auf der Stelle zu rehabilitieren und an die Spitze einer Bundesagentur für Selbstbedienung zu stellen. Künasts für den Herbst angekündigtes Buch ("Warum die Deutschen immer fetter werden und was wir dagegen tun müssen") wird verschoben. Grüner fliegen: Konsumverweigerer wie der bekennende Nichtschwimmer und Anti-Toskaner Müntefering werden sich warm anziehen müssen.

          hhm

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