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Kommentar : Gedankenpause

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"Man muß sich von dem Gedanken verabschieden, in hundertprozentiger Sicherheit zu leben." Das ist einer der vielen törichten Gedanken, mit denen unser Deutungsbetrieb der Katastrophe dieser Tage partout eine Sprache geben will.

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          "Man muß sich von dem Gedanken verabschieden, in hundertprozentiger Sicherheit zu leben." Das ist einer der vielen törichten Gedanken, mit denen unser Deutungsbetrieb der Katastrophe dieser Tage partout eine Sprache geben will. Der Dichter Frank Schätzing läßt sich mit diesem Zitat im "Spiegel" vernehmen. Er hat mit "Der Schwarm" gleichsam das Buch zur Katastrophe geschrieben, einen Roman, der nach einer detaillierten Traumvorlage beschreibt, wie ein Tsunami das nördliche Europa überrollt. Nicht daß Schätzings Prozent-Gedanke falsch wäre. Er ist nur vollkommen überflüssig. Denn es gibt keinen, der ihn denkt. Deshalb muß auch keiner dazu aufgefordert werden, sich von ihm zu verabschieden. Wir leben nicht nur in keiner hundertprozentigen Sicherheit, wir leben in hundertprozentiger Unsicherheit. Das weiß jeder, dem sein Leben und das seiner Lieben lieb ist und der es ebendarum nicht auf den schwankenden Grund der Wahrscheinlichkeitsrechnung stellt. Es ist tausendmal wahrscheinlicher, bei einem Verkehrsunfall umzukommen als bei einem Erdbeben, wegen Bewegungsmangel zu sterben als wegen eines Flugzeugabsturzes, wegen Krebs als wegen Blitzeinschlag. So entnimmt man es den Statistiken des Überlebens. Aber was nutzen solche Einsichten allen durch Erdbeben, Flugzeugabsturz und Blitzeinschlag ums Leben Gekommenen? Prozente führen uns nicht über den positivistischen toten Punkt hinaus, jenseits dessen die Frage nach der Sicherheit unseres Lebens erst sinnvoll wird. Es gibt nur Pausen zwischen den Katastrophen, bei dem einen dauert eine solche Pause achtzig Minuten, bei dem anderen achtzig Jahre - und niemandem würde es einfallen, nun einmal seine persönlichen Pausenzeiten errechnen zu wollen. Daß wir insoweit unser Leben in einer Dauerkatastrophe zubringen und uns jedenfalls nicht einmal im Traum der von Schätzing verabschiedeten hundertprozentigen Sicherheit hingeben, muß nach einer derartigen Katastrophe beileibe nicht erörtert werden. Es würde in der Tat keinen anderen Gedanken hervorbringen als jenen, den Schätzing seiner Gedankenverabschiedung auf dem Fuße folgen läßt: "Leben ist an sich ein Risiko." Auch das ist, wie dargelegt, kein falscher Gedanke. Er ist nur gleichfalls vollkommen überflüssig. Denn es gibt keinen, der ihn bestreitet. Nimmt man den Zusammenhang von Leben, Sicherheit und Risiko so, wie er von dem Romancier hergestellt wird, müßte sich eine ganz andere Schlußfolgerung aufdrängen: Es sind die Gedanken selbst, die den Gedanken, in hundertprozentiger Sicherheit zu leben, erst gar nicht aufkommen lassen. Gedanken sind es, die jede Sicherheit eingeborener Prinzipien vermissen lassen, jede Hoffnung auf einen Halt gebenden Apriorismus als trügerisch erweisen. Wie verschieden haben wir durch die Jahre unserer Gedankenarbeit schon die Frage beantwortet, wie es kommt, daß der Mond zu- und abnimmt. Es gab die frühen Jahre, da sagten wir: weil er mal viel und mal wenig ißt - und diese Antwort hat uns wie jedem Kind genügt. Daß wir es heute eher mit Kopernikus halten, sollte uns nicht in falscher Sicherheit wiegen. Wer weiß schon hundertprozentig, daß er seine Mondgedanken vom Jahresanfang nicht zum Jahresende wieder verabschieden wird? Heute wissen wir nur das eine: Mit dem Dichter läßt sich die Katastrophe nicht kommentieren.

          gey

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