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Kommentar : Frühjahr 73

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Wie eine Räuberpistole aus längst vergangener Zeit mutet die Geschichte an, die Günter Schade, ehedem Stellvertretender Generaldirektor der Staatlichen Museen Berlin, im neuesten Jahrbuch der Stiftung Preußischer Kulturbesitz erzählt.

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          Wie eine Räuberpistole aus längst vergangener Zeit mutet die Geschichte an, die Günter Schade, ehedem Stellvertretender Generaldirektor der Staatlichen Museen Berlin, im neuesten Jahrbuch der Stiftung Preußischer Kulturbesitz erzählt. Im Januar 1973 erließ der DDR-Ministerrat in seiner unergründlichen Weisheit den Beschluß 4/73, der den ostdeutschen Museen auferlegte, innerhalb weniger Wochen Listen mit Kunstwerken aus dem Depot aufzustellen, die gegen harte Devisen ins "nicht-sozialistische" Ausland verschachert werden sollten. Auf über fünfzig Millionen "Valuta-Mark" wurde das Plansoll für diesen Ausverkauf festgesetzt; teuer bezahltes Geld, mit dem die Parteigranden anschließend im Westen Jeans und Bananen für das murrende Volk besorgen wollten. Ausführlich schildert Schade, seinerzeit Leiter des Ost-Berliner Kunstgewerbemuseums, wie die Direktoren der betroffenen Häuser zaghaft aufbegehrten, sogar Unterschriften wider die amtlichen Plünderungen sammelten, bei prominenten Kunstschaffenden wie Walter Womacka oder Konrad Wolf um Unterstützung für ihren Protest warben - aber schließlich doch die Listen lieferten. Das Kunstgewerbemuseum etwa bot den staatlichen Kunsthändlern, zögerlich genug, eine Renaissance-Stuckdecke aus der Villa Torre degli Agli bei Florenz an, das Islamische Museum stellte das berühmte "Aleppo-Zimmer" aus der Zeit um 1600 "zur Disposition", wie Schade vorsichtig formuliert. Verkauft aber wurde, zum Glück, nichts. Irritiert vom Einspruch der Kuratoren, aufgeschreckt vom Protest, der sich im Westen erhob, nachdem diese Zeitung von den Verkaufsplänen berichtet hatte, besorgt um sein internationales Renommee, ließ der DDR-Ministerrat seine Absicht fallen und suchte seinen unersättlichen Devisenhunger lieber auf dem stilleren Antiquitätenmarkt zu befriedigen; die Depots der Museen blieben weitgehend unangetastet. Damit war freilich nur eine Episode abgeschlossen. Die Idee der Haushaltssanierung mit Hilfe der Kunst ist nicht aus der Welt. Sie geistert vielmehr durch die Köpfe der Finanzminister, seit es Museen und leere Staatskassen gibt. Schade erinnert an Friedrich den Großen, der Teile des Großen Silberbuffets im Berliner Schloß veräußerte, um den Siebenjährigen Krieg zu finanzieren, oder an Lenin und Stalin, die Rußlands Museen geradezu systematisch verramschen ließen, um beim Klassenfeind Traktoren und Maschinen für die Revolution kaufen zu können. Und Schade erwähnt - eine subtile Pointe, sorgsam versteckt auf der vorletzten Seite seines Aufsatzes - einen bislang kaum bekannten Vorgang aus jüngster Zeit, aus der Stiftung Preußischer Kulturbesitz selbst. Auch die habe sich Mitte der neunziger Jahre, "als die immensen Kosten der Wiedervereinigung der geteilten Museen immer deutlicher erkennbar wurden", mit der Frage konfrontiert gesehen, ob sich nicht Ankäufe durch den Verkauf obsoleter Sammlungsbestände finanzieren ließen. "Nach kurzen und zum Teil heftigen Diskussionen" hätten sich die Träger der Stiftung, so Schade, "dazu nicht entschließen können". Das, immerhin, ist doch ein Fortschritt.

          wfg

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