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Kommentar : Fischer, makro

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Nein, es ist nicht die Rede von Kulturministerin Christina Weiss, die heute die Buchmesse eröffnen wird. Auch nicht die Rede von Michail Lessin, dem russischen Makrominister für Presse, Fernsehen, Rundfunk und Massenkommunikation ...

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          Nein, es ist nicht die Rede von Kulturministerin Christina Weiss, die heute die Buchmesse eröffnen wird. Auch nicht die Rede von Michail Lessin, dem russischen Makrominister für Presse, Fernsehen, Rundfunk und Massenkommunikation (das Präfix Makro- dürfen bei uns nur Physiognomen der Jetztzeit in ihrer Berufsbezeichnung führen wie der Makrosoziologe© Heinz Bude). Nein, der Auftakt der Buchmesse findet nicht, wie offiziell ausgeschildert, am Spätnachmittag in Frankfurt, sondern am Spätabend im Fernsehen statt. In Elke Heidenreichs Sendung "Lesen!" will Joschka Fischer das Buch von Uwe Timm loben, eine Kriegsgeschichte von ganz eindringlicher Art, erzählt am Beispiel von Timms Bruder, der als Mann der Waffen-SS 1943 in Rußland stirbt. Ein großartiges Buch, dem man einen hohen Verkaufserfolg nur wünschen kann. Fischer wird über die Möglichkeiten von Literatur heute abend vermutlich Wichtigeres sagen, als es jedes Makropodium mit Weiss, Lessin oder Bude hinbekäme. Es fällt freilich auf, daß Fischer je länger Außenminister, je lieber die Rolle als Laudator von Literaten sucht. Nach einer gewissen Akkumulation der Laudationes im Mai/Juni dieses Jahres war Fischer in puncto Literatenlob erst einmal in die Sommerpause gegangen. Nun ist er wieder voll dabei. Gut im Ohr ist noch die Laudatio, die der Außenminister seinerzeit auf den Schriftsteller George Steiner (Börne-Preis) hielt oder jene andere auf den Schriftsteller Amos Oz (Geschwister Korn und Gerstenmann-Preis). Den einen, Oz, lobte er als pragmatischen Visionär, den anderen, Steiner, als elitären Querkopf. Das kommt hin, gar keine Frage. Die Frage ist aber doch, ob wir die Achsenverschiebung im feinjustierten Koordinatensystem von Geist und Macht so wirklich wollen, ob das, was da bei Fischer abläuft, demokratisch hinreichend legitimiert ist, denn das müßte es zweifellos sein, wenn der oberste Protokollchef der Nation, der genau weiß, warum er das Parkett der Heidenreich betritt, zur literarischen Sache kommt. Hat man von Kinkel je ähnliches vernommen, von Genscher oder Brentano? Auf den Kopf gefallen war ja auch von denen keiner. Man kann es mikroskopisch drehen und wenden, wie man will, makrosoziologisch kommen wir nicht drum herum: Wenn das mit Fischer so weitergeht, muß eine Willensentscheidung her, wie wir sie seinerzeit ja auch im umgekehrten Falle getroffen haben, damals bei der Frage, ob Literaten zur politischen Sache kommen dürfen. Selbstverständlich, befand unser kunstvoll eingespielter bundesrepublikanischer Gruppenkonsens, die dürfen das! Grass darf Brandt beispringen. Aber was wäre wohl los gewesen im Staate Deutschland, wenn Brandt sich des langen und breiten für "Katz und Maus" eingesetzt hätte. Hat er deshalb ja auch nicht. Und selbst Kohl hielt es zu Amtszeiten für angebracht, hin und wieder zu erklären, er sei der einzige Bundestagsbibliotheksbenutzer im Bundestag - ein Kokettieren mit der Ausnahme, womit nur gezeigt werden sollte, daß die Regel noch steht. Fischer indessen meint, mit verschränkten Armen und abwechselnd eng- und weitgestellten Augen die Verfahrensrationalität ausblenden zu können. Ob bei Steiner, Oz oder heute abend bei Timm - der Makrominister für Auswärtige Politik und Literarisches Leben sitzt immer schon da.

          gey

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