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Kommentar zu neuem ICE-Namen : Signalstörung

  • -Aktualisiert am

Die Bahn fährt manchmal in sonderbare Richtungen: Zugbegleiter am Münchner Hauptbahnhof Bild: dpa

Die Deutsche Bahn möchte einen ICE nach Anne Frank benennen – denn sie sei „neugierig auf die Welt“ gewesen. Aber Anne Frank wurde mit der Bahn deportiert.

          Für „eine der bekanntesten Marken Deutschlands“ wurden vor kurzem herausragende deutsche Persönlichkeiten als Namensgeber gesucht. Es geht um den neuen ICE. Fast zwanzigtausend Vorschläge wurden eingereicht, aus denen eine Jury eine Shortlist von einhundert Namen herausfilterte. Unsere Besten. Eine Auswahl von 25 Personen, nach denen 2018 und 2019 Züge des ICE 4 benannt werden sollen, wurde nun präsentiert. Darunter erwartbare (Konrad Adenauer, Thomas Mann) wie überraschende Namen (Hedwig Dohm, Karl Marx) und in einer Reihe mit Margarete Steiff und Vicco von Bülow auch der von Anne Frank. Sie, die mit der Bahn nach Auschwitz und von dort mit der Bahn nach Bergen-Belsen deportiert wurde, wo sie im Februar 1945 vermutlich an Flecktyphus starb, soll nun Teil der Werbestrategie jenes Unternehmens sein, dessen Vorgängerin den Transport in die Vernichtungslager durchgeführt hatte.

          Wohlwollend könnte man der Bahn unterstellen, sie wolle so die Aufarbeitung an der Schoa weiter vorantreiben. Dagegen spricht jedoch die Mitteilung der fünfundzwanzig Namen, die Anne Frank als Teil einer Gruppe von Personen vorstellt, die allesamt „neugierig auf die Welt“ gewesen seien. Anne Frank aber reiste nicht zu Besichtigungszwecken, sie war nicht auf Dienstreise und nicht auf einem Forschungsabenteuer. Mit deutschen Eisenbahnen verbindet sie nur, dass sie von ihnen in die Hölle deportiert wurde. Die Auskunft der Deutschen Bahn, es habe sich um Einsendungen aus der Bevölkerung gehandelt, entschuldigt das Kommunikationsversagen nicht. Wenn ein „Täterwerkzeug nach dem Opfer“ benannt werden soll, wie es der Journalist Nils Kottmann zuspitzte, müsste zumindest gleich gesagt werden, was das Ziel einer solchen Benennung sein soll. Auch eine Absprache mit dem Anne-Frank-Fonds und dem Anne-Frank-Haus in Amsterdam hätte man vermuten dürfen.

          Stattdessen war die Bahn wohl so begeistert von ihrer Aktion, dass die Namensrechte erst nachträglich geprüft werden. Es bleibt allerdings auch dann die Frage, woran eine ICE-Flotte mit geschichtsträchtigen Namenspaten erinnern soll. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus, an Flucht und Exil ist in den Namen „Dietrich Bonhoeffer“, „Geschwister Scholl“, „Marie Juchacz“, „Thomas Mann“ und „Willy Brandt“ gegenwärtig, die antisemitische Verfolgung in „Hannah Arendt“ und „Albert Einstein“. Doch bei den Opfern der Schoa, die in den Vernichtungslagern ums Leben kamen, besteht immer der Nexus von Reichsbahn und Deportation in den Tod. Ist die Namenspatenschaft eines Individuums für einen Schnellzug also überhaupt geeignet für die Erinnerung an die Ermordung der Juden? Wollte die Bahn ein Zeichen für ihre Mitverantwortung setzen, böte sich ein Name an, der auf keiner der beiden Listen steht. Der Name eines Mannes, der wie kein zweiter die Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen in der jungen Bundesrepublik vorantrieb und die Prozesse gegen NS-Schergen zugleich als einen Akt historischer Aufklärung und Bildung betrachtete. Mit dem ICE „Fritz Bauer“ führe auch das Andenken an die Opfer der Schoa stets mit.

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