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Kommentar : Education profane

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Was erwartet uns, wenn nach dem gestern bekundeten Willen der EU-Kommission die Türkei alsbald der Gemeinschaft beitritt? Oft wird behauptet: ein Land unter Disziplinierungsdruck, in dem alles der Erfüllung des europäischen Traums untergeordnet werde.

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          Was erwartet uns, wenn nach dem gestern bekundeten Willen der EU-Kommission die Türkei alsbald der Gemeinschaft beitritt? Oft wird behauptet: ein Land unter Disziplinierungsdruck, in dem alles der Erfüllung des europäischen Traums untergeordnet werde. Dem ist nicht so. Regierung, Militär und sonstige türkische Eliten haben es schwer genug bei der Begründung von Reformen, die in der Bevölkerungsmehrheit, die abseits des europäischen Landesteils (der nur drei Prozent der Staatsfläche umfaßt) und der Tourimuszentren lebt und in der Tradition tief verwurzelt ist, wenig populär sind und auch ohne den Beitritt zur Europäischen Union nötig wären. Doch gerade weil Besucher selten mehr von der Türkei kennen als Istanbul, Izmir, Antalya, Marmaris, die Strände oder vielleicht noch Ankara, sehen sie nicht, daß es zwar mittlerweile fast überall im Land Elektrizität geben mag, aber nicht das, was man als kulturellen Kraftstoff Europas bezeichnen darf: die Berufung auf das geistige Vorbild der Aufklärung. Die Religion spielt eine wichtigere Rolle in der de jure laizistischen Türkei, als man sich das in den de facto laizistischen europäischen Kernstaaten vorstellen kann. Sie wird - mit Recht - als kulturelle Erbschaft von großem Wert betrachtet, und gegenüber den eigenen Politikern gilt: Treue um Treue, was diesen Schatz betrifft. Es gibt deshalb wohlbegründete Grenzen für Kompromisse, die sich die Türkei wird abringen können, und es gehört zu den pikanten Elementen der Debatte, daß dabei das geringste Problem in unseren Erwartungen an das Land - etwa betreffs der Durchsetzung eines Folterverbots - bestehen wird, während sich der eigentliche Konflikt im Bereich dessen anbahnt, was die Türkei ihrerseits von Europa erwartet. Nämlich nicht vorrangig Wirtschaftsleistungen, sondern etwas viel schwerer zu Erbringendes: eine unsentimentale Erziehung. Der Disziplinierungsdruck, den das Land selbst nicht weiter aufbauen kann, wenn es nicht größte innere Schwierigkeiten gewärtigen will, soll nun statt aus Ankara aus Brüssel kommen. Es ist ein offenes Geheimnis unter der türkischen Elite, die fast ausnahmslos hoffnungsfroh gen Westen blickt, daß ihr Land soziologisch wie geistig nicht reif ist für die EU - nicht weil die türkische Bevölkerung rückständig wäre, sondern weil dort ganz anders gelebt und gedacht wird, und das eben sehr zum Mißfallen der Elite, die sich natürlich selbst längst für beitrittsfähig hält. Doch um dieses persönliche Ziel ohne individuelles Risiko zu erreichen, werden die Beitrittsverhandlungen auf Übergangslösungen abzielen, damit erst nach erfolgter Aufnahme die kulturell einschneidenden Maßnahmen wie Gleichberechtigung oder Glaubensfreiheit durchgesetzt werden müssen - dann aber auf Geheiß aus Brüssel. Europa ist für die türkische Oberschicht nicht nur Sehnsuchtsort, sondern auch willkommene Zuchtstätte: eine Institution, der man guten Gewissens das eigene Volk überantworten kann, damit es nachträglich für das fit gemacht werde, was doch Voraussetzung der Aufnahme sein müßte.

          apl

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