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Kommentar : Documentalität

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Es war dann doch eine Überraschung, die gestern in Kassel bekanntgegeben wurde: Der Leiter der Documenta 12, die von Juni bis September 2007 stattfinden wird, heißt Roger M. Bürgel. Nach Catherine David und Okwui Enwezor wird damit ...

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          Es war dann doch eine Überraschung, die gestern in Kassel bekanntgegeben wurde: Der Leiter der Documenta 12, die von Juni bis September 2007 stattfinden wird, heißt Roger M. Bürgel. Nach Catherine David und Okwui Enwezor wird damit kein etablierter Star der internationalen Kunstszene, nicht Nancy Spector oder Hans-Ulrich Obrist, zum Leiter der weltgrößten Schau für Gegenwartskunst gekürt.

          Bürgel, 1962 in Berlin geboren, studierte Philosophie in Wien, wo er seit 1983 lebt, er war Privatsekretär von Hermann Nitsch und verdankt sein Renommee einer Tätigkeit an Orten, an denen man nicht unbedingt den kunsttheoretischen Weltgeist vermutet: In Lüneburg organisierte Bürgel 1998 im Kunstraum eine Ausstellung über „Revisionen des Abstrakten Expressionismus“, in Hannover 2000 den österreichischen Expo-Beitrag, in Bremen eine Ausstellung über das Ausstellungmachen und Titelerfinden.

          Dinge, die wir nicht verstehen

          Die kunsttheroretischen und kuratorischen Konzepte, die Bürgel auch als Kritiker der Zeitschrift „Springerin“ entwickelte, brachten ihm vor genau einem Jahr den „Walter Hopps Award for curatorial achievement“ der Menil Collection in Houston ein - und explizites Lob für seine Fähigkeit, „die Schnittstellen von politischen und ästhetisch-kulturellen Interessen“ zu analysieren. Das verbindet ihn mit seinem Documenta-Vorgänger Enwezor; auch Bürgel hat eine Vorliebe für Künstler, die ihr Material in der außerkünstlerischen Bildproduktion von Machtapparaten finden.

          In seiner Wiener Schau „Dinge, die wir nicht verstehen“ zeigte er etwa Harun Faroki, der mit den Bildern der Überwachungskameras in amerikanischen Hochsicherheitstrakten arbeitet. Es ist die Spannung zwischen der ästhetischen Autonomie von Kunst und der politisch-sozialen Gebundenheit von Bildern, die Bürgel interessiert - so gesehen, ist mit seiner Berufung bei der Documenta für konzeptionelle Kontinuität gesorgt. Wie sich dieses Interesse in einer Ausstellung niederschlägt, ist schon im kommenden Jahr im Kunstraum Lüneburg zu erleben, wo Bürgel das Projekt „Die Regierung“ präsentiert, eine von Foucaults Begriff der „Gouvernementalité“ ausgehende Schau, die unter anderem in Kooperation mit dem Museu d'Art Contemporani in Barcelona entsteht (dessen Direktor Manuel Borja-Villel in der achtköpfigen Kasseler Findungskommission saß).

          „Die Regierung“ soll Arbeiten zeitgenössischer Künstler zeigen, die sich Schauplätzen der Ausübung von Macht nähern - aber auch die Sprache „aktueller Regierungsdiskurse“ auseinandernehmen. Befürchtungen, die Kunst könne zum bloßen Kulissenwerk der Analyse von Herrschaftsdiskursen werden, trat Bürgel schon immer energisch entgegen. „Dinge, die wir nicht verstehen“ wurde in Wien als direkte Kritik an Haider interpretiert - ein Kurzschluß, gegen den sich Bürgel heftig wehrte. „Gegen Haider“, sagte er damals, „demonstrieren wir als Bürger, nicht mit Kunst.“

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