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Kommentar : Das Jüdische Museum - ein begehbares Buch

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Eine Tora-Rolle und ein Vorhang im Jüdischen Museum Bild: dpa

Das Jüdische Museum in Berlin macht Geschichte auf gelungene Weise anschaulich. Ein Kommentar.

          3 Min.

          Das eben eröffnete Jüdische Museum Berlin ist kein gewöhnliches Haus. Es beschäftigt sich mit dem schwersten Kapitel deutscher Vergangenheit und breitet darüber hinaus zwei Jahrtausende jüdischer Geschichte auf deutschem Boden aus. Unter der fachlichen Regie eines Deutsch-Amerikaners und der szenischen Aufbereitung eines Neuseeländers, entspricht es internationalen Ausstellungstendenzen, wie sie in einem Land, dass immer noch zu bürokratischer Nüchternheit tendiert, sofort Stirnrunzeln hervorruft.

          In diesem jungen Geschichtsmuseum werden nicht die Taten nationaler Helden gefeiert, sondern Leben und Schicksal deutscher Juden aus mehreren Jahrhunderten erzählt. In Daniel Libeskinds dramatischer Architektur sind neben wissenschaftlichen ganz alltägliche Dinge ausgebreitet. Sie alle sind vom Holocaust emotionalisiert: liebgewonnene Teddybären, Davidsterne als Meterware, ein einfaches Leinenhandtuch, Moses Mendelssohns schlichtes Brillengestell und sogar das Manuskript der Relativitätstheorie aus Albert Einsteins Feder.

          Exilantenpässe und Kinderbücher

          Ob es die fünf Exilantenpässe von Irma Markus sind, oder eine Ausgabe des Kinderbuch-Bestsellers „Nesthäkchen“ von Else Ury, Direktor W. Michael Blumenthal lädt das Publikum ein an kultureller Vergangenheit teilzunehmen, um „mit Blick auf die gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart und der Zukunft aus ihr zu lernen.“

          Dafür hat der 1926 in Oranienburg bei Berlin geborene Amerikaner bewusst eine Vermitlungsform gewählt, die Geschichte an exemplarischen Einzelschicksalen deutlich macht: Während Irma Markus mit einem britischen Pass von 1939, einem tschechischen (1942), einem brasilianischen (1946), einem bolivianischen (1953) und schließlich mit einem amerikanischen Pass von 1960 in den Vereinigten Staaten überlebt, wird die Bestseller-Autorin des vielgeliebten „Nesthäkchens“, Else Ury, 1943 in Auschwitz ermordet. Ohne Pathos stehen zwei Frauenschicksale Pate für tausende andere. Sorgfältig und doch nicht aufdringlich liefern Touchscreens oder Wandtafeln Information für diejenigen, die mehr wissen wollen.

          Geschichte entlang the matischer Achsen

          Geschichte wird hier entlang thematischer Achsen erzählt. Sie spiegeln sich im Gebäude wider. So führen drei „Straßenrampen“ durch den Untergrund von Daniel Libeskinds sprechender Architektur: Von einer Kreuzung aus kann der Besucher unterschiedliche Wege in die rettende Fremde, in den Tod, in die Vergangenheit oder in die Gegenwart wählen. Dabei müssen die Wege, die ins Exil oder in die Vernichtung führen, in Sackgassen enden. Ebenso wie die brüchig eingeschlitzten Fenster des Hauses, dienen die Sackgassen inhaltlichen Zwecken und sind keineswegs Folge unübersichtlicher Fehlplanung.

          In die Gegenwart gelangt der Besucher - immer noch im Kellergeschoss - einzeln oder in Gruppen im „Rafael Roth Lerning Center“. Rafael Roth hat dieses Informationszentrum mit einem mehrstelligen Millionenbetrag ermöglicht. Über Datenbanken kann hier jeder interaktiv Fakten und Wissen zur Geschichte der Juden in Deutschland abfragen. Die Bedienung der Terminals ist idiotensicher und die Atmosphäre einladend und kommunikativ.

          Ein Rundgang, der mit dem Unwissen rechnet

          Mit diesem Wissen im geistigen Gepäck, begibt man sich auf dem vierten Weg, der „Kontinuität“ verspricht, hinauf in den Zick-Zack-Bau von Daniel Libeskind. Dort breitet sich jüdische Geschichte chronologisch, szenisch und biographisch aus. Das Museum will vor allem emotional mitreißen, wenn das Frauenleben der Glikl bas Juda Leib aus dem 17. Jahrhundert angedeutet wird, oder von Land- und Hofjuden, von Weihnachtsriten und koscherem Essen die Rede ist. Freilich muss man das Konzept mit etwas Phantasie auch erfassen wollen und nicht ständig nach Führung und Sachlichkeit fragen. Man muss sich auf einen Rundgang einlassen, der deutlich und zu Recht mit dem Unwissen nicht nur jüngerer Zeitgenossen rechnet.

          Nur wenige Deutsche kennen jüdisches Leben aus der eigenen Alltagswelt. Nicht viele können Juden zu ihren engsten Freunden zählen. Das neue Museum mag einigen zu wenig wissenschaftlich sein und zu sehr mit plakativen Mitteln und Kopien arbeiten. Aber in einem Geschichtsmuseum kommt es schließlich nicht in erster Linie auf ästhetischen Genuss an. Es geht vielmehr darum, Zusammenhänge erlebbar zu machen, ein begehbares Buch zu schaffen, das zur Beschäftigung mit Kultur und Vergangenheit einlädt und sogar verführt. Da kann man zur Veranschaulichung auch Faksimiles von Urkunden vergrößern, die man sonst nur mit starken Augengläsern entziffern könnte: Zwangstaufe und Mord an Juden wurden in einem päpstlichen Privileg schon 1246 verboten.

          Viele haben gewünscht, dass der erlebnisreiche Bau von Daniel Libeskind als begehbare Skulptur bestehen bleibt und nicht mit einer Sammlung jüdischer Zeugnisse gefüllt wird. Nach der Eröffnung zeigt sich, dass Haus und Ausstellung hervorragend miteinander harmonieren. Und doch könnte die Architektur ohne die Sammlung, nicht aber die Sammlung ohne die Architektur bestehen. Ohne Libeskind würde das Ausstellungskonzept von Kenneth C. Gorbey schon wieder konventionell erscheinen.

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