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Kommentar : Ohne Chefdirigent geht’s auch

  • -Aktualisiert am

Nach einer fast elfstündigen Sitzung wird das dürre Ergebnis verkündet. Bild: dpa

Die Berliner Philharmoniker dürfen ihren Chefdirigenten selbst aussuchen. Am Montag konnten sie sich auch nach fast elf Stunden Sitzung auf keinen einigen. Jetzt wollen sie sich ein Jahr Zeit lassen. Die Musiker haben es richtig gemacht.

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          Als am Montagabend gegen halb zehn die dürre Nachricht in den Posteingang sickerte: „Über das weitere Vorgehen halten wir Sie auf dem Laufenden“, da hatten wir es endlich schriftlich: Das Zerwürfnis in den Reihen der Berliner Philharmoniker sitzt leider tiefer, als befürchtet. Nach mehr als zehn Stunden Diskussion und mehreren vergeblichen Wahlgängen gingen die 123 stimmberechtigten Musiker ohne Ergebnis auseinander. Die Wahl des neuen Chefdirigenten wurde vertagt. Noch am Morgen dieses Schicksalstages raunte ein hämisches SMS, aus den gewöhnlich  gut informierten Kreisen, die Wahl werde, da die Kandidaten (Nelsons, Dudamel, Petrenko, Barenboim, jetzt auch noch Jansons) leider schon im Vorfeld  reihenweise abwinken, wohl doch auf Oktober verschoben werden müssen. Aber ob in einem halben Jahr neue Spitzendirigenten nachgewachsen sind, schnell wie die Spargel? Unwahrscheinlich! Gegen Mittag frotzelte ein anderer Witzbold über Twitter: „Und am Ende wird es doch Ratzinger.“

          Mit der Papstwahl wird diese Berliner musikalische Personalie laufend verglichen. Das hat einen nostalgischen Touch. So, wie der Papst als Stellvertreter Gottes auf Erden die höchste Instanz für alle Gläubigen verkörpert,  so, das wünschen wir uns, sollte auch der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker die höchste Instanz im Reich der Musik abbilden: den einmaligsten Klang hervorzaubern, die epochemachendste Einspielung vorlegen, das breiteste Repertoire abdecken, alle Abonnenten, Kritiker, Politiker, Verehrer und zukünftigen Fans um sich sammeln, kurzum: unangefochten die höchsten ideellen und materiellen Umsätze erzielen.  Nur, dass selbst der Papst heutzutage nicht mehr auf Lebenszeit zur Verfügung steht, sondern seinen Job macht, wie andere Leute auch, für eine Weile. Und dann weiterzieht. Im Reich der Musik ist es genauso. Die Globalisierung schreitet voran. Chefdirigenten bleiben nur für zehn oder dreizehn Jahre. Manche, wie Thielemann, bleiben nur fünf oder sechs.

          Das Recht auf Selbstverwaltung wurde 1952 festgeschrieben

          Ein Alleinstellungsmerkmal des Berliner Philharmonischen Orchesters ist,  dass es, laut Satzung von 1952, seine Chefdirigenten selbst aussuchen darf. Das Verfahren ist demokratisch, aber auch störanfällig. Erst wird in geheimer Abstimmung eine Shortlist erstellt. Dann wird offen diskutiert. Dann abermals abgestimmt. Am Montag tagten sie, umlagert von der Presse, an einem „geheimen Ort“, in der Nähe der Dahlemer Jesus-Christus-Kirche. Auch das hat einen nostalgischen Zug. Diese legendäre  Kirche war, ihrer ausgezeichneten Akustik halber, in Westberliner Zeiten einst das Lieblingsaufnahmestudio gewesen von Herbert von Karajan (aber auch zuvor schon von Wilhelm Furtwängler und später ab und an von Claudio Abbado).

          Damals  waren Berlins Philharmoniker noch unbestrittene Marktführer im klassischen Tonträgergeschäft und zugleich konkurrenzlos stilbildende Meinungsführer im Reich der klassischen Musik.  Hier, in dieser Kirche, lieferte das Orchester dereinst Symphoniezyklen in Lesarten ab, die in ihrem satten Klangbild und in der Transparenz ihrer Klangrede unverwechselbar waren. Bis heute ist der Beethovenzyklus, den Karajan hier mit den Philharmonikern 1961/62 aufnahm, maßstäblich. Historische Aufführungspraxis hin oder her. Diese Unverwechselbarkeit und Unbedingtheit, das Stilbildende – das hätten wir gerne wieder. Davon träumen wir. Das ist vorbei. Tröstlich, dass die musikalische Meinungsführerschaft inzwischen nicht von einem anderen Spitzenorchester an sich gerissen wurde. Kein Trost:  Es gibt keine Meinungsführerschaft mehr.

          Der Traum von der Unverwechselbarkeit

          Es gibt stattdessen heute ein gutes Dutzend sehr guter Spitzenorchester, verteilt rund um den Globus, alle auf etwa gleichem Level, alle spielen sie hervorragend, und sie alle sind ebenso austauschbar im Klangbild, wie sie leicht zu verwechseln sind. Die Berliner Philharmoniker sind nur eines von diesen vielen Spitzenorchestern. In den letzten Wochen hätte man manchmal fast wieder mal glauben können, sie seien die einzigen.

          Denn der Traum von der Unverwechselbarkeit,  den gibt es gottlob immer noch. Er bestimmt  die Debatten, darin die alten Parameter herumspuken wie mit Morgenröte bemalte Chimären. Diese Sehnsucht bestimmt auch den Hitzegrad der Auseinandersetzung in den Reihen der Philharmoniker selbst. Und aus diesem Sehnsuchtskäfig kommen sie nicht heraus. Nehmen sie Thielemann, der, wie einst Karajan, nur eine einzige Sprache kennt, nämlich die musikalische? Mit dem wieder stilbildende Höhenflüge zu erwarten,  vielleicht sogar Unverwechselbarkeit im Klangbild zu erzielen wären? 

          Nur, anders als Karajan, spricht Thielemann nur mit sich selbst. Politisch ungeschickt, sozial unberechenbar, kein Thielemannglück war bislang von Dauer. Oder nehmen sie einen der jungen, ungelenken, musikverrückten, mehr oder weniger unbeschriebenen,  Nezet-Seguin oder Inkinen, an denen noch ein paar  Eierschalen kleben, und verpflichten denjenigen und sich selbst zu einem neuen Lernprozeß, mit offenem Ausgang?

          Das Getöse in den Medien  hatte sich in den letzten Wochen zu einer kakophonischen Lautstärke heraufgeschraubt, darin die Stimme der Vernunft nur noch als zartes Piepsen vernehmbar gewesen war. Wie ein Warnsignal. Oder wie ein Wecker. Ja, es schien vorübergehend, als stünde der Untergang des Abendlandes unmittelbar bevor,  im Falle, dass dieses Orchester (eines der besten Orchester der Welt) unter den vielen denkbaren Chefdirigentenkandidaten (nur die weltbesten gut genug) den Falschen aussucht. Letztlich wusste keiner der Musikjournalisten genau zu sagen, wer der richtige sein würde. Jede pushte ein bisschen seinen Lieblingsdirigenten, oder er drehte noch ein paar Extralocken auf der Glatze seiner Lieblingstheorie über das Phantom des deutschen Klangs oder das Phantom der wahren inneren Werte.  Hoffentlich kommen die Freunde jetzt wieder zu Verstand.

          Die Musiker indes, die haben es wohl doch richtig gemacht. Sie sind erst mal schlafen gegangen. Und träumen. Und wenn sie aufwachen, werden sie feststellen, dass sie eigentlich gar keinen Chefdirigenten brauchen, da sie selbst, als Orchestergemeinschaft, sich Abend für Abend ihre Unverwechselbarkeit neu arbeiten können. Die Wiener Philharmoniker machen es vor, die haben ja auch keinen.

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