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Kommentar : Ohne Chefdirigent geht’s auch

  • -Aktualisiert am

Damals  waren Berlins Philharmoniker noch unbestrittene Marktführer im klassischen Tonträgergeschäft und zugleich konkurrenzlos stilbildende Meinungsführer im Reich der klassischen Musik.  Hier, in dieser Kirche, lieferte das Orchester dereinst Symphoniezyklen in Lesarten ab, die in ihrem satten Klangbild und in der Transparenz ihrer Klangrede unverwechselbar waren. Bis heute ist der Beethovenzyklus, den Karajan hier mit den Philharmonikern 1961/62 aufnahm, maßstäblich. Historische Aufführungspraxis hin oder her. Diese Unverwechselbarkeit und Unbedingtheit, das Stilbildende – das hätten wir gerne wieder. Davon träumen wir. Das ist vorbei. Tröstlich, dass die musikalische Meinungsführerschaft inzwischen nicht von einem anderen Spitzenorchester an sich gerissen wurde. Kein Trost:  Es gibt keine Meinungsführerschaft mehr.

Der Traum von der Unverwechselbarkeit

Es gibt stattdessen heute ein gutes Dutzend sehr guter Spitzenorchester, verteilt rund um den Globus, alle auf etwa gleichem Level, alle spielen sie hervorragend, und sie alle sind ebenso austauschbar im Klangbild, wie sie leicht zu verwechseln sind. Die Berliner Philharmoniker sind nur eines von diesen vielen Spitzenorchestern. In den letzten Wochen hätte man manchmal fast wieder mal glauben können, sie seien die einzigen.

Denn der Traum von der Unverwechselbarkeit,  den gibt es gottlob immer noch. Er bestimmt  die Debatten, darin die alten Parameter herumspuken wie mit Morgenröte bemalte Chimären. Diese Sehnsucht bestimmt auch den Hitzegrad der Auseinandersetzung in den Reihen der Philharmoniker selbst. Und aus diesem Sehnsuchtskäfig kommen sie nicht heraus. Nehmen sie Thielemann, der, wie einst Karajan, nur eine einzige Sprache kennt, nämlich die musikalische? Mit dem wieder stilbildende Höhenflüge zu erwarten,  vielleicht sogar Unverwechselbarkeit im Klangbild zu erzielen wären? 

Nur, anders als Karajan, spricht Thielemann nur mit sich selbst. Politisch ungeschickt, sozial unberechenbar, kein Thielemannglück war bislang von Dauer. Oder nehmen sie einen der jungen, ungelenken, musikverrückten, mehr oder weniger unbeschriebenen,  Nezet-Seguin oder Inkinen, an denen noch ein paar  Eierschalen kleben, und verpflichten denjenigen und sich selbst zu einem neuen Lernprozeß, mit offenem Ausgang?

Das Getöse in den Medien  hatte sich in den letzten Wochen zu einer kakophonischen Lautstärke heraufgeschraubt, darin die Stimme der Vernunft nur noch als zartes Piepsen vernehmbar gewesen war. Wie ein Warnsignal. Oder wie ein Wecker. Ja, es schien vorübergehend, als stünde der Untergang des Abendlandes unmittelbar bevor,  im Falle, dass dieses Orchester (eines der besten Orchester der Welt) unter den vielen denkbaren Chefdirigentenkandidaten (nur die weltbesten gut genug) den Falschen aussucht. Letztlich wusste keiner der Musikjournalisten genau zu sagen, wer der richtige sein würde. Jede pushte ein bisschen seinen Lieblingsdirigenten, oder er drehte noch ein paar Extralocken auf der Glatze seiner Lieblingstheorie über das Phantom des deutschen Klangs oder das Phantom der wahren inneren Werte.  Hoffentlich kommen die Freunde jetzt wieder zu Verstand.

Die Musiker indes, die haben es wohl doch richtig gemacht. Sie sind erst mal schlafen gegangen. Und träumen. Und wenn sie aufwachen, werden sie feststellen, dass sie eigentlich gar keinen Chefdirigenten brauchen, da sie selbst, als Orchestergemeinschaft, sich Abend für Abend ihre Unverwechselbarkeit neu arbeiten können. Die Wiener Philharmoniker machen es vor, die haben ja auch keinen.

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