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Jürgen Kaube (kau)

Berlin streicht Loerke-Grab : Berliner Unkenntnis

  • -Aktualisiert am

Oskar Loerke (1884 bis 1941) Bild: Picture-Alliance

Berlin will das Ehrengrab für den Lyriker Oskar Loerke nicht verlängern. Damit entfällt künftig die staatliche Grabpflege für die letzte Ruhestätte des 1941 gestorbenen Schriftstellers. Das kann nur aus Unkenntnis erfolgt sein.

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          Die Formulierung in der Vorlage des Regierenden Bürgermeisters von Berlin ist bedenkenswert. Es sei beschlossen worden, die Anerkennung als Ehrengrabstätte für das Grab Oskar Loerkes nicht zu verlängern. Ein „fortlebendes Andenken in der allgemeinen Öffentlichkeit“ sei nämlich nicht mehr erkennbar. Es entfällt mithin künftig die staatliche Grabpflege für die letzte Ruhestätte des 1941 gestorbenen Schriftstellers.

          Proteste dagegen haben die Verdienste Loerkes um die deutsche Lyrik, aber auch um den Verlag S. Fischer aufgeboten, dem er fast ein Vierteljahrhundert als Lektor diente, sowie seine innere Emigration im Nationalsozialismus. Sie könnten Erfolg haben, denn dem Regierenden Bürgermeister mag ein solcher Fall die eingesparten Gärtnerkosten am Ende nicht wert sein.

          Dass er oder irgendeiner seiner damit befassten Beamten einen Band Loerkes aufgeschlagen haben, um sich Anschauung zu verschaffen, wer Loerke war, scheint unwahrscheinlich. Man hält sich in solchen Dingen lieber an das kenntnisfrei Sagbare. Die Entscheidung für oder gegen das Ehrengrab gilt ja auch einer anderen Frage: was Loerke „der allgemeinen Öffentlichkeit“ noch ist.

          Was ist das für eine allgemeine Öffentlichkeit?

          Das wiederum wirft die Frage auf, worum es sich bei dieser allgemeinen Öffentlichkeit handelt. Durch eine Straßenumfrage wird man sie nicht ermitteln wollen. Sonst müssten wohl auch die in derselben Vorlage für Ehrengräber vorgeschlagenen Karsten Witte (Filmwissenschaftler), Edith Schollwer (Kabarettistin) und, je nach Straße, vielleicht sogar Rio Reiser (Rocksänger) um ein überall fortlebendes Andenken fürchten. Ach was, hört man Leute sagen, Rio Reiser kennt doch wirklich jeder.

          Doch es sind eben spezielle Leute, die so sprechen. In den Tiefen der Stadtteile Wittenau oder Mahlsdorf wohnen sie meistens nicht. Und für wie verbreitet hält der Regierende Bürgermeister das Andenken der Berliner an die ehrengrabbegünstigte Emilie Mayer außerhalb der Musikwissenschaft? Allgemeinheit ist mithin keinesfalls mit Mehrheit gleichzusetzen. Zweifellos lassen sich mehr Leute mit Reiser-Platten als mit Loerke-Bänden aufbieten. Damit liefe man allerdings in die Rocchigiani-Falle, denn Graziano Rocchigiani kennen derzeit noch mehr Berliner, was sein in Form eines Boxrings gestaltetes Grab auf dem St.-Matthäus-Kirchhof von Schöneberg leider noch nicht zu einem Berliner Ehrengrab gemacht hat.

          Das führt zurück zum Lyriker Loerke. Ist Lyrik doch unter allen Gattungen der Kunstproduktion diejenige, die bestenfalls auf eine sehr besondere Öffentlichkeit, aber kaum je auf eine allgemeine rechnen darf. Wie hoch sind die Auflagen? Doch das wäre eben der falsche Maßstab. Oder sagen wir besser so: Es wäre ein zu verzagtes Herangehen an die Frage des Ehrengrabs. Die Frage kann nicht sein, ob Oskar Loerke ein fortlebendes Andenken durch die Berliner Stadtbewohner erfährt. Die Frage kann nur sein, ob er ein solches Andenken verdient. So wie bei Emilie Mayer. Wer Gedichte von Oskar Loerke gelesen hat – wie jenes auf dieser Seite –, wird sich schwer damit tun, diese Frage zu verneinen.

          Womit wir beim entscheidenden Punkt angelangt sind: Hat die Kulturverwaltung ein Verhältnis zur Kultur? Liest sie? Traut sie sich Urteile zu, die sie nicht den Massenmedien entnimmt? Es kommt, mit anderen Worten, nicht viel darauf an, ob die Instandhaltung des Grabes von Oskar Loerke vom Wohlfahrtsstaat finanziert wird. Für die Wirkung seiner Lyrik ist das so unerheblich wie für das Interesse an seinem Lebenslauf. Doch für das Selbstbild eines Gemeinwesens ist es schon ein Unterschied, ob es in ihm Achtung für gewiss sehr spezielle, rätselhafte, aber zugleich sprachlich mitreißende Leistungen gibt. Oder ob es sie nicht gibt. Sagen wir es so: Wenn wir König von Deutschland oder auch nur von Berlin wären, wir sollten die Grabstätte Oskar Loerkes pflegen.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

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