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Kommentar : Abgefahrenheit

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Ray Bradbury ist als der unangefochtene Großmeister jener literarischen Viererbande, zu der noch Stephen King, Peter Straub und Shirley Jackson zählen, einer der bedeutendsten Schriftsteller des "American Gothic", also der das Reich ...

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          Ray Bradbury ist als der unangefochtene Großmeister jener literarischen Viererbande, zu der noch Stephen King, Peter Straub und Shirley Jackson zählen, einer der bedeutendsten Schriftsteller des "American Gothic", also der das Reich der unheimlichen Literatur im zwanzigsten Jahrhundert dominierenden Strömung, deren heimliches Kronjuwel, "Das Böse kommt auf leisen Sohlen", er 1962 geschaffen hat. Als schöner Greis und gefeierter Erzähler wird er weit über den Kundenstamm der gewohnheitsmäßigen Leser phantastischer Literatur hinaus geschätzt; seine Bibliographie listet an die neunhundert Nachdrucke in genrefremden Anthologien auf. Truffauts Verfilmung seines Romans "Fahrenheit 451" über eine postalphabetische Welt ohne Bücher aus dem Jahr 1966 hat zu diesem Erfolg vielleicht mehr beigetragen als jeder Text des Autors selbst; verständlich, daß er den Titel schützen möchte und gegen Michael Moore, der ihn für seinen Anti-Bush-Dokumentarkracher "Fahrenheit 9/11" enteignet und verfremdet hat, die Faust schüttelt: "ein fürchterlicher Mensch". Moores postmodern clevere Titelei, die dem suggestiven Stil des Regisseurs durchaus angemessen ist, der da allerlei visuelle Kürzel kritischer Einsichten und brodelnd modischer Ressentiments mischt, kann jemanden wie Bradbury nur ärgern. Die dem Zornausbruch des Dichters beigegebenen Beteuerungen, seine Wut habe nichts mit Moores oder seiner eigenen politischen Weltsicht zu tun, verkünden nur die halbe Wahrheit, insofern auch ästhetische Präferenzen politisch gefärbt sein und die dementsprechenden Vorlieben beider Herren nicht ärger über Kreuz liegen könnten. Bradbury war bezüglich der Filmrechte an seinen Schöpfungen nie pingelig - amüsantem Dreck wie "It came from outer Space" (1953) und süßlichem Kitsch wie der Fernsehfassung seiner "Mars-Chroniken" von 1980 mit Rock Hudson hat er die Signatur jedenfalls nicht verweigert. Aber auf gar keinen Fall kann man ihn, was die anfechtbare Zuordnung vieler seiner Arbeiten zum Genre Science-fiction nahelegt, als Freund der Kritik am Gegenwärtigen im Namen des Möglichen und Zukünftigen sehen. Seit den Tagen, da seine Werke noch in billigen Pulp-Heftchen erschienen, war und blieb er vielmehr ein erzkonservativer, häufig anrührender, manchmal klebrig verschmockter Nostalgiker, über dessen Geschichten der britische Ironiker Brian Aldiss in alles anderer als herabsetzender Absicht hat schreiben können, sie seien "untrennbar mit einer imaginären amerikanischen Vergangenheit verbunden, in der jede Stadt ihre hölzernen Bürgersteige und jedes Haus eine Veranda mit einem Schaukelstuhl darauf und eine Dachstube mit Rosenblütentapete hatte, in der eine liebenswerte Großmutter dahinwelkte". In diese Welt aber führt kein Weg zurück: Weltordner wie Bush Vater und Sohn, aber auch deren gehetzte kritische Medienbegleiter vom Schlage Michael Moores haben sie platt gemacht. Wirklich gegeben hat es diese Welt sowieso nie. Aber was Bradbury früher zu zarter, elegischer Prosa inspirierte, ihm heute jedoch nur noch den Wunsch einbläst, die eigenen verblichenen Markenprodukte vor der Gegenwart in Sicherheit zu bringen, ist die traurige Wahrheit, daß man sie sich nicht einmal mehr vorstellen kann.

          dda

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