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Uwe Ebbinghaus (uweb.)

Komfortverlust : Im neuen ICE

Jetzt mit verstellbaren Jackenhaltern! Der neu ICE 407 ist ein Spiegel Deutschlands: Er wartet mit einigen Neuerungen auf, kann aber über einen allgemeinen Komfortverlust nicht hinwegtäuschen.

          Das Ungewohnte an dem neuen ICE 407 ist, dass er oft pünktlich einfährt. Das muss er auch, damit man als Passagier der zweiten Klasse genügend Zeit hat, die drei statt früher zwei Waggons der ersten Klasse abzulaufen, ohne den Zug zu verpassen.

          Dabei ist es ziemlich leer auf den teuren Plätzen. Über den Fenstern sticht einem überall Legehennenbeleuchtung in die Augen. Bei schönem Panorama ist das so, als hätte man über einem Breitbild-Fernseher eine Neonröhre angebracht. Schauen wir also auf die neuen Deckenbildschirme, die mehrsprachig über den Streckenverlauf unterrichten. Einsam thront ein WC-Zeichen über den schwergängigen Automatiktüren.

          Familien sind die größten Verlierer

          Im Bistro gibt es jetzt mehr Sitz- und weniger Stehplätze, was wohl heißen soll: Trinkt Euer Bier zu Hause, Leute, das hier ist der Platz für aufgewärmte Pseudo-Sterneküche. Die Gastronomie war zuletzt allerdings oft außer Betrieb. Die Bestoffung von Boden und Sitzen ähnelt der des Vorgängermodells, die Wand- und Deckenfarbe ist kälter, die Sitze sind härter gepolstert, die Füße darf man nur noch in der ersten Klasse auf eine verstellbare Stütze legen. Man bekommt weniger Komfort für das gleiche Geld.

          Die größten Verlierer sind Familien. Ihnen stehen nur noch normale Großraumsitze hinter offenen Glaselementen zur Verfügung. Im Vorgänger gab es noch geräumige Abteile, da waren Kinder Könige. Und weil wir ohnehin alle am Smartphone lauschen, ist auch das Unterhaltungsprogramm in der Sitzlehne entfallen. Für eine zweite Steckdose pro Doppelsitz hat es aber nicht gereicht.

          Flexibilitätshighlight des neuen ICE: Verstellbare Jackenhalter. Andererseits fährt der ICE 407 sehr leise dahin und bietet viele Extras für ältere, blinde und mobilitätsbehinderte Menschen. Will man sie aber allen Ernstes ein achtblockiges Sitzplatzsystem ertasten lassen, das auch ein Sehender kaum versteht? In den Toiletten ist endlich wieder Platz. Das Rauchen sollte man sich wegen der Brandmelder aber aus dem Kopf schlagen.

          Dieser ICE soll irgendwann mal nach London fahren und erfüllt daher schon jetzt die strengsten Brandschutzvorschriften. Gerüchte besagen, schon der Genuss von Räucherfisch verständige automatisch den Zugbegleiter. Die Ausstiegstüren erinnern mit ihren Panzerscharten an Geldtransporter, sind auch ähnlich schwer zu öffnen und manchmal auch gar nicht. Überhaupt ist jetzt vieles eckig, was früher rund war. Der Austritt ist beleuchtet, aber schmaler geworden, als müssten wir jetzt alle schmaler werden. Auch wenn die Steuerung des neuen ICE die reine Freude sein soll, zum Kauf können wir nicht raten.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

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