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Kolumne Links : Erkenntnis bricht kein Tabu

  • -Aktualisiert am

Man könnte auf den ersten Blick zufrieden sein mit der Sarrazin-/Steinbach-Debatte. Dem Exbundesbanker und der Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen wurde zwar in den letzten Wochen viel Raum in den Medien eingeräumt.

          Man könnte auf den ersten Blick zufrieden sein mit der Sarrazin-/Steinbach-Debatte. Dem Exbundesbanker und der Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen wurde zwar in den letzten Wochen viel Raum in den Medien eingeräumt. Die Reaktionen waren jedoch vorwiegend kritisch. Niemand hat sich darauf eingelassen, mit Thilo Sarrazin über ein spezielles jüdisches Gen zu fabulieren. Niemand knüpfte an die von Erika Steinbach verteidigte, fast nahtlos auf Adolf Hitler zurückgehende verleumderische Rhetorik an, die Deutschland quasi als Opfer einer aggressiven polnischen Politik darstellte. Erika Steinbach sah sich zudem aufgrund der einstimmigen Kritik an ihrer in der Tat außergewöhnlich primitiven Beleidigung des ehemaligen polnischen Außenministers und heutigen Deutschland-Beauftragten Wladyslaw Bartoszewski sogar genötigt, ihre vor laufender Kamera gemachten Invektiven über dessen angeblich "schlechten Charakter" zurückzunehmen, wenn auch der beleidigte Zungenschlag das Ressentiment weiterhin offenbart. Herr Sarrazin hat unter Druck sein Gerede von dem spezifischen jüdischen Gen auch bedauert.

          Bei genauerer Betrachtung fällt der Lackmustest dieser Reaktionen nicht so eindeutig aus, wie man hoffen möchte. Insbesondere ein Wort - übrigens eines der Lieblingsworte von Sarrazin in seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" - muss aufmerksam machen. Schnell wurde nämlich das nur scheinbare Argument bemüßigt, es sei unerhört, wie Sarrazin und Steinbach Tabus verletzen würden.

          Der Begriff des Tabus ist dabei seltsam deplaziert. Er legt nahe, die Äußerungen von Thilo Sarrazin oder Erika Steinbach als Überschreitungen eines Tabus zu deuten und sie nicht einfach als falsch zu bezeichnen. Eine eigentümliche Unsicherheit in der Beurteilung rassistischer, fremdenfeindlicher und antisemitischer Äußerungen verbirgt sich hinter dem irreführenden Wortgebrauch. Ein Tabu ist eine Sache, die man nicht berühren darf, oder es sind Wörter und ganze Sätze, die man nicht aussprechen darf. Geschützt durch ein göttliches oder gesellschaftliches Verbot, sind sie nicht begründungsbedürftig. Dass man aber jemanden - und eben darum auch Herrn Bartoszewski - nicht beleidigen darf, ist kein Tabu, sondern eine moralische Norm, die darin begründet ist, dass wir alle besser leben, wenn wir sicher sein können, dass andere uns nicht beleidigen oder verletzen, auf welche Art auch immer. Auch die Überzeugung, dass es kein spezifisch jüdisches Gen gibt, verdankt sich nicht dem Schutzraum eines Tabus, sondern wissenschaftlicher Erkenntnis.

          Sigmund Freud hatte vor dem Ersten Weltkrieg in seinem Buch "Totem und Tabu" zu "Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker" wesentliche Überlegungen zu dem Begriff angestellt. Insbesondere verweist er darauf, dass Tabubeschränkungen eben etwas anderes sind als religiöse oder moralische Verbote. Er hebt präzise hervor, dass die Tabuverbote jeder Begründung entbehren und auch ihre Herkunft unbekannt ist. Dann sagt er einen Satz, der in der heutigen Diskussion beachtet werden sollte: "Für uns unverständlich, erscheinen sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft stehen." Das Tabu begründet eine Gemeinschaft. Beim Tabu handelt es sich bei Freud um eine Reihe von Einschränkungen, denen sich primitive Völker unterwerfen. Dies und jenes ist ihnen verboten, sie wissen nicht warum, es fällt ihnen auch nicht ein, danach zu fragen, sondern sie unterwerfen sich wie selbstverständlich und sind überzeugt, eine Übertretung werde sie von selbst auf die härteste Weise strafen.

          Genau dies sollte in Deutschland nach dem Nationalsozialismus und dem Holocaust durchaus nicht der Fall sein. Es gibt im Gegenteil sehr offensichtliche Gründe, warum man hier biologistische Metaphern und Argumentationen nicht benutzt und gegen die Nachbarstaaten möglichst nicht hetzt, da man sich an die Folgen noch gut erinnern kann. So würde man es jedenfalls erwarten.

          In dem Moment, da man über etwas als ein Tabu spricht, deutet man natürlich gleichzeitig auch schon an, dass man ein solches nicht akzeptieren möchte. Wer überall Tabus sieht, der wird geradezu magisch davon beseelt, diese nun endlich zu beseitigen. Und so hören sich diese Tabu-Debatten dann auch an. Wie eine Lawine rollen plötzlich von allen Seiten Expertenmeinungen über Probleme von Integration, Demographie und Bevölkerungspolitik herunter. Diejenigen, die nun endlich all diese Tabuthemen angehen, fühlen sich dabei als Aufklärer. Nur: Wirkliche Aufklärer glauben doch gar nicht an Tabus. Es ist daher zu befürchten, dass in diesen Diskussionen nicht Tabus beseitigt werden, dafür aber die Grenzen zu Rassismus und Eugenik verwischt werden.

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