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Kollektiver Narzissmus : Wer hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen?

  • -Aktualisiert am

Caravaggios Narziss wird seine Selbstliebe zum Verhängnis. Bild: Picture-Alliance

In der Erinnerungskultur werden wir durch die Sicht der eigenen Nation geprägt. Eine Studie zeigt am Beispiel des Zweiten Weltkriegs, wozu das führt: Wer misst sich Sieg und Niederlage zu?

          John F. Kennedy soll gesagt haben: „Der Sieg hat hundert Väter, die Niederlage hingegen ist ein Waisenkind.“ Wie viel Wahrheit in dieser Aussage steckt, kann man nun in einer Studie der Washington University im Hinblick auf den Zweiten Weltkrieg nachlesen.

          Die Wissenschaftler fragten Menschen aus acht Nationen der damals Alliierten: „Wie hoch schätzen Sie den prozentualen Anteil, den Ihr Land am Sieg des Zweiten Weltkriegs hatte? Mit anderen Worten: Wie sehr war Ihr Land für den Sieg verantwortlich?“ In ihren Antworten empfanden die Befragten das eigene Land oft als die wichtigste Kraft im Kampf gegen Adolf Hitler – zusammengenommen erreichten die Vereinigten Staaten, Großbritannien, die Sowjetunion, Frankreich, Kanada, Australien, Neuseeland und China einen Gesamtkriegsbeitrag von mehr als 300 Prozent. Den höchsten Anteil sprachen die russischen Teilnehmer ihrem Land zu: Die Sowjetunion habe 75 Prozent zum Sieg beigetragen. Aber auch Großbritannien und die Vereinigten Staaten sahen sich jeweils zu mehr als fünfzig Prozent verantwortlich – der Sieg hat hundert Väter.

          Auch die Niederlage hat hundert Väter

          Dann fragten die Forscher Bürger der damaligen Achsenmächte: „Deutschland, Italien und Japan kämpften sechs Jahre lang gemeinsam im Zweiten Weltkrieg. Wie viel Prozent des Einsatzes ging dabei von Ihrer Nation aus?“ Da es sich hier um die Verlierer handelt, würde man ein anderes Ergebnis erwarten, denn für eine Niederlage fühlt sich meist keiner verantwortlich. Aber auch die Verlierer überschätzten ihre Rolle. Der geschätzte Gesamteinsatz summierte sich hier auf 140 Prozent – die Niederlage im Zweiten Weltkrieg ist somit ganz und gar kein Waisenkind.

          Wie aber kommt es zu diesem „kollektiven nationalen Narzissmus“, wie die Forscher das Phänomen nennen? Menschen tendieren allgemein dazu, sich mit ihrer Gruppe überlegen zu fühlen. Bei historischen Ereignissen kommt noch hinzu, dass jede Nation eine Perspektive einnimmt und diese an zukünftige Generationen weitergibt. Das menschliche Gedächtnis folgt einer persönlichen Erzählung, die einiges hervorhebt, vieles verdrängt und so eine Identität schafft. Wie die Erinnerung eines jeden Menschen an die eigene Sicht gebunden bleibt, so ist auch eine Nation in ihrer kollektiven Erinnerung befangen, erzählt gern von heroischen Taten, schweigt über weniger Glanzvolles, verklärt schmerzhafte Ereignisse oder wird dauerhaft von solchen traumatisiert. In der Aufarbeitung der eigenen Schuld liegt ebenfalls ein egozentrisches Element.

          Die westlichen Länder sind geprägt durch die amerikanische Sicht

          Wie sehr wir von unserer Perspektive geprägt werden, zeigt ein weiteres Ergebnis der Studie: Die westlichen Länder schätzten die Rolle der Amerikaner durchschnittlich höher ein als die der Sowjetunion. Dabei spricht die Zahl der gefallenen Soldaten eine andere Sprache. Auf amerikanischer Seite gab es etwas mehr als 400 000 Opfer, in der Sowjetunion waren es fast zehn Millionen. Allein in der Schlacht um Stalingrad, die als Wendepunkt im Kampf gegen den Nationalsozialismus gilt, starben mehr als doppelt so viele Sowjets wie Amerikaner im gesamten Krieg. Die Studie beweist: Sowohl im Sieg als auch in der Niederlage sind wir alle Narzissten – hundert Väter, von denen sich jeder für den wichtigsten hält.

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