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Koffein : Zurück ins Paradies

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KOFFEIN - Der Blick in die Medien Bild: @uf

Der Verbrecher Ronald Briggs kehrt nach England zurück - mit freundlicher Unterstützung der dortigen Boulevardpresse.

          Die Zutaten sind alle versammelt, und sie sind vom Feinsten: Es gibt ein Boulevard-taugliches Foto, ein nicht minder taugliches Zitat und eine Geschichte, die zugleich ans Herz rührt und Respekt wie Bewunderung verlangt. Ronald Briggs heißt ein in die Jahre gekommener britischer Posträuber, dem vor 38 Jahren ein bemerkenswerter und äußerst erfolgreicher Coup gelang.

          Er wurde in England verhaftet, konnte nach rund einem Jahr aber entkommen. Seitdem ist Briigs auf der Flucht. Inzwischen hat er seinen Anteil der Beute - die er mit fünfzehn Komplizen teilen musste - verbraucht, ist 71 Jahre alt und hat im argentinischen Exil drei Schlaganfälle überlebt. Ronald Briggs ist eine Legende. Eine Reihe von Büchern und Filmen hat sein Verbrechen nacherzählt und dabei eine Figur entwickelt, die beliebten britischen Klischees entspricht. Eine Gentleman-Gangster ist aus dem ehemaligen Schreiner und Kleinkriminellen geworden, ein Exzentriker, ein heimlicher Held.

          Geht es nur um ein Bier im Pub seines Heimatdorfes?

          Das erwähnte Foto also zeigt Briggs im Januar dieses Jahres, wie er, gehüllt in die britische Fahne, von zwei weiblichen Unterwäsche-Models mit der Kopfbedeckung englischer Polizisten und Gummiknüppeln an je einem Ohr gezogen wird. Das Bild entstand anlässlich einer Werbeaktion für Dessous. Das versprochene Zitat: Briggs kehre zurück, weil er einfach noch einmal ein richtiges englisches Bier in einem richtigen englischen Pub trinken wolle. Wer kann ihm das verübeln?

          Oder um das britische Sozialsystem?

          Und wer soll ihm das glauben? Sogar die „Bild“-Zeitung kommt nicht umhin, ihre Schwester im Geiste zu nennen, das britische Massenblatt „The Sun“, das die Rückkehr des greisen Verbrechers mit insgesamt 1,6 Millionen Mark finanzieren soll. Der „Tagesspiegel“ sieht - zusammen mit einigen anderen - das kostenlose britische Gesundheitswesen als tatsächlichen Anreiz für Ronald Briggs. Ausführlich wird hier beschrieben, wie die Maschine mit Briggs auf einem Londoner Militärflughafen landet, wie Briggs in einem Kleinbus mit getönten Scheiben, eskortiert von sechs Streifenwagen zur ärztlichen Untersuchung gebracht wird, die seine weitere Inhaftierung vorbereiten soll.

          Auch einen Trost hält der „Tagesspiegel“ bereit: Sein englisches Bier bekam der Posträuber bereits im Flugzeug. Die „Neue Zürcher Zeitung“ zeichnet ein eher zweifelhaftes Bild des älteren Herren. Gegen Geld solle er Touristen in Rio de Janeiro, wo Briggs zuletzt lebte, seine Geschichte erzählt und sich mit ihnen fotografieren lassen. Der „Welt“ ist die Geschichte nicht nur das einzige große Foto auf ihrer Titelseite wert, sie zeigt Briggs auch von einer anderen Seite: nicht in den Händen leicht bekleideter Cop-Kopien oder mit verhärmtem Gesichtsausdruck in den Händen der richtigen britischen Justiz, sondern als fürsorglichen Großvater mit seiner Enkelin auf dem Arm.

          Worum geht es dem Sohn? Und hat er es verdient?

          Dabei soll es ja sein 26-jähriger Sohn Michael sein, der von der mediengerechten Heimkehr am meisten profitiert. Briggs brasilianischer Anwalt hatte - nach Angaben der „Neuen Zürcher Zeitung“ sogar bestritten, dass der Räuber das Land freiwillig verlassen wolle. Der Sohn habe, darauf weist der „Tagesspiegel“ hin von der „Sun“ immerhin 300.000 Mark für die Exklusivrechte bekommen.

          Die hat er auch verdient. Schließlich schiebt er nicht nur, wie ein Foto aus der „Bild“-Zeitung belegt, den Rollstuhl seines Vaters und begleitet ihn auf dessen vorletzter Reise, sondern lieferte seinerzeit der brasilianischen Justiz die Begründung dafür, Briggs auch dann nicht an Großbritannien auszuliefern, als die grundsätzlichen Abkommen zwischen den beiden Ländern endlich geschlossen waren. Briggs trage schließlich, argumentierte das höchste brasilianische Gericht 1996, die Sorgepflicht für einen „studierenden“ Sohn.

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