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Koffein : Wie lebendig begraben

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Medienschau: Der Dokumentarfilm „9/11“ mit unveröffentlichtem Material zum 11. September sorgt in Amerika für Aufsehen.

          Während von Ground Zero gestern Nacht zwei Lichtstrahlen den Himmel erleuchteten und an die Türme des World Trade Center erinnerten, sorgte ein Dokumentarfilm auf CBS ein halbes Jahr nach dem 11. September für Aufsehen. Die ihn sahen, waren fast einhellig beeindruckt.

          Gedreht hatten den Film zwei französische Dokumentarfilmer, die Brüder Jules und Gedeon Naudet. Sie hatten im letzten Jahr an einem Film über die New Yorker Feuerwache "Engine 7 Ladder 1" gearbeitet. Wochenlang hatten die beiden Wahl-New-Yorker in der Wache zugebracht, ohne dass - selten genug für New York - etwas Aufregendes passierte. Verwertbar war bislang nur die Geschichte des Feuerwehr-Neulings Tony Benetatos. Dann kam der 11. September. Die Dokumentarfilmer rückten mit den Feuerwehrleuten zum World Trade Center aus und hielten das Inferno aus nächster Nähe fest.

          „Man fühlt sich wie lebendig begraben“ schrieb Caryn James in der „New York Times“, die „9/11“ schon vor der Ausstrahlung auf CBS gesehen hatte. Als die Türme einstürzen und die Kameraleute vor den Staubwolken des herabstürzenden Stahlbetons davonlaufen, sei es, als würde der Filmzuschauer mit dem Schutt zugeschaufelt. „Es gibt nichts, das nicht gezeigt werden sollte, und viel außerordentlich Bewegendes“, schreibt die Autorin.

          Hammerschläge einer teuflischen Schmiede

          Der Hintergrund: Es hagelte Proteste, weil der Film Szenen zeigt, die dem Betrachter an die Nieren gehen. Bei diesen Szenen sind nicht die Bilder, sondern Geräusche das eigentlich Furchtbare: Während die Feuerwehrleute in der Lobby des ersten Turms den Aufstieg nach oben vorbereiten, hört man, wie Körper das Glasdach des Vorbaus durchschlagen. „We got Jumpers“, sagt ein Feuerwehrmann scheinbar ungerührt. Die „klirrenden Schläge“, die von draußen in die Empfangshalle des noch stehenden Turms dringen, seien kaum zu ertragen, schreibt in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

          Uwe Schmitt spricht in der „Welt“ von „Geräuschen, die im Kopf des Betrachters zerbersten wie Hammerschläge aus einer haushohen Schmiede. Wie die Salutsalven bei Soldatenbegräbnissen, gefeuert in zersplitternde Scheiben. Jedes Mal, wenn diese Gewaltkomposition in '9/11' erklingt, verlischt ein Menschenleben. Ein Körper schlägt auf die gläserne Lobby nach dem unvorstellbaren Verzweiflungsakt, den Todessturz aus dem World Trade Center dem Flammentod vorzuziehen.“

          Die Aufregung war unnötig

          Die den Film sahen, zeigen Verständnis für verletzte Gefühle, viel Unmut sei jedoch auch unnötig gewesen. Gleichwohl fiel die Kommerzialisierung und „Hollywoodisierung“ des Films unangenehm auf. Dafür allerdings waren nicht die noch unerfahrenen Filmemacher verantwortlich, sondern der Fernsehsender CBS. Er engagierte Robert DeNiro als Moderator. Kinogeher wissen: DeNiro spielte mal die Hauptrolle in einem Film über Feuerwehrleute. Deshalb gilt er als Autorität in diesen Fragen. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie sehr die Realitätswahrnehmung der Amerikaner durch Hollywood gesteuert ist, dann lag er hier vor.

          Neben den vielen anerkennenden Besprechungen des Films sei die eine negative nicht unterschlagen: Der „Tagesspiegel“ nennt den Film eine „Erinnerungsklamotte“. Doch auch hier stehen nicht die Filmemacher in der Kritik, die „sensationelles Material“ gefilmt hätten, sondern die Aufbereitung durch CBS. „Die Szenen werden mit dramatischen Klavierakkorden“ unterlegt oder durch „schrecklich bombastische Kirchenmusik künstlich aufgeladen“. „Vor Zorn“, so der Autor Malte Lehming, „trockneten die Tränen schnell“.

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