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Koffein : Wege zum Ruhm

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Extremsaunieren in Finnland, eine thüringische Kleinstadt unter „Big Brother“-Beobachtung: Neue Helden stehen in den Startlöchern.

          Dass diese Sportart je olympisch wird, darf man bezweifeln. Es gibt wenig Action, ja nicht einmal Bewegung, und die Teilnehmer wirken nach dem Wettkampf nicht gerade telegen: Sichtlich geschafft, mit beängstigend geröteter Haut und mit Haaren, die der Schweiß auf ihre Stirn geklebt hat, liefern sie dem Betrachter ihres Sports ein eher abschreckendes Beispiel. Aber wie soll man auch aussehen, wenn man bis zu 12 Minuten bei 110 Grad in der Sauna verbracht hat?

          Bereits im August haben, in Finnland selbstverständlich, die diesjährigen Sauna-Weltmeisterschaften stattgefunden, und das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ druckt nun einige Fotos der Sportler und ein Interview mit dem Sieger. Es ist, selbstverständlich, ein Finne: Schon zum dritten Male hat Leo Pusa die Konkurrenz für sich entschieden. „Ich habe einen verdammt guten Stoffwechsel“, erklärt er sein Erfolgsrezept, das ihm dazu verholfen hat, die durch Aufgüsse im 30-Sekunden-Takt geschürte Hitze gut 12 Minuten lang zu überstehen.

          Atmen in Etappen

          Der Stoffwechsel allein reicht natürlich nicht aus. Auf den Wettkampf bereitet sich Herr Pusa vor wie auf einen Marathon: Er trinkt viel und nimmt vorher eine eiskalte Dusche. Wenn er dann in der Sauna sitzt, bewegt er sich nicht und atmet in Etappen. Das Problem dabei ist, „dass irgendwann das Hirn nicht mehr genug Sauerstoff bekommt und man das Bewusstsein verliert“. Die schlimmste Niederlage wäre es für Leo Pusa, „aus der Sauna weggetragen zu werden“, was ihm zum Glück noch nie passiert ist. Bei der WM war sein Auszug aus der Sauna ein Triumphzug: Den Fernsehkameras zeigte er das Victory-V, und vor allem seine russischen Gegner waren von seiner Leistung begeistert. „Sie hielten mich für einen Gott“, sagt Herr Pusa.

          In Deutschland hätte das Extremsaunieren wohl nicht als Sportart eine Chance, sondern allenfalls als Fernseh-Spektakel à la „Big Brother“, das RTL 2 sicher ausstrahlen würde, wenn genügend attraktive junge Frauen mitmachten. Endemol, die „Big Brother“-Produktionsschmiede, hat zunächst aber andere Pläne: Sie hat ihre Kameras in der thüringischen Kleinstadt Artern aufgestellt, die demnächst als „Stadt der Träume“ ins Fernsehen kommen soll. Die 6.800 Einwohner Arterns, von denen 22 Prozent arbeitslos sind, werden dann zu Nachfolgern der „Big Brother“-Kandidaten.

          Der Stadtrat ist optimistisch

          „Grundsätzlich ist es ja nichts Unanständiges, Geld zu verdienen“, rechtfertigt sich Arterns Bürgermeister Wolfgang Koenen gegenüber dem misstrauischen „taz“-Interviewer. Und vielleicht, so hofft er, werde die hohe Arbeitslosigkeit - die für Endemol mitentscheidend bei der Auswahl der Stadt war - durch das Fernsehprojekt verringert, indem sich die eine oder andere Firma in Artern ansiedelt. „Im Stadtrat empfanden es jedenfalls alle Fraktionen erst mal als positiv.“

          Die Menschen aus Artern beschreibt der Bürgermeister als bodenständig: „Sie leben mit ihren Traditionen und Lebenserfahrungen, die bei vielen mit der Wende einen Bruch bekamen, aber auch mit der Hoffnung, dass es aufwärts geht. Dieser optimistische Touch sollte in der Sendung unbedingt rüberkommen.“ So könnte das kleine Artern dem in der Depression gefangenen Deutschland ein leuchtendes Beispiel bieten.

          Starten soll die Doku-Soap über Artern im Januar; in welchem Programm, verschweigen uns „taz“ und Bürgermeister, was darauf schließen lässt, dass dies noch gar nicht feststeht. Angeblich, so hörte man vor einigen Wochen, verhandle Endemol mit einem öffentlich-rechtlichen Sender. Am naheliegendsten wäre sicherlich Arte.

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