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Koffein : Vierhundert und Elf

  • Aktualisiert am

George W. Bush will nach Deutschland kommen. 400 Wissenschaftler und elf Intellektuelle haben deshalb insgesamt zwölf offene Briefe geschrieben.

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          Vierhundert Wissenschaftler aller Fakultäten haben in einer bezahlten Anzeige der Wochenzeitung „Die Zeit“ einen offenen Brief an Gerhard Schröder veröffentlicht. „Schärfsten Protest“ statt „uneingeschränkter Solidarität“ fordern die Unterzeichner darin vom Bundeskanzler, wenn der in der kommenden Woche den amerikanischen Präsidenten George W. Bush empfängt.

          Die „Kriegsrhetorik“ und die „eindimensionale, der militärischen Eskalation verpflichteten Außen- und Sicherheitspolitik“ Amerikas würden eine „politische Lösung ökonomischer und sozialer Konflikte“ verhindern, stattdessen den Boden bereiten, „auf welchem die Terrororganisationen neuen Nachwuchs heranziehen können.“ Für die eigenen politischen, ökonomischen und militärischen Interessen sei Amerika bereit, das Völkerrecht zu brechen. Statt „im Fahrwasser der Bush-Politik Bundeswehreinheiten weltweit einzusetzen“ müsse sich deutsche Politik wieder als Friedenspolitik begreifen.

          Freestyle statt Protestnote

          In redaktionellen Beiträgen im Feuilleton derselben Zeitung kommen elf Autoren zum gleichen Thema zu Wort. Intellektuelle wie der Filmemacher Herbert Achternbusch, die Autoren Sybille Berg, Maxim Biller und Feridun Zaimoglu, der Performance-Künstler Christoph Schlingensief, der Schauspieler Josef Bierbichler oder der Philosoph Slavoj Zizek waren eingeladen, anlässlich seines Deutschland-Besuchs einen offenen Brief an den amerikanischen Präsidenten zu schreiben. Unterschiedlich wie die Gastautoren sind auch ihre Beiträge, in Sorgfalt, Tonfall und Attitüde. Von Gesten des Desinteresses reicht das Spektrum bis zu großzügig dosierten Provokationen.

          Feridun Zaimoglu streut nicht gern Konfetti und steht nicht gern Spalier. Auch auf einen Händedruck des Präsidenten hat er es nicht abgesehen. In scharfen Worten mit zynischem Beiklang schildert er die politische Haltung Bushs - um daraus keine Forderungen abzuleiten: „Mr Bush, Sie machen Ihren Job, und ich bin aufgeklärt genug, von Ihnen nichts zu erwarten.“

          Unkrautfrust und andere Frühlingsgefühle

          Auch Christoph Schlingensief erteilt dem Präsidenten eine Absage. Verabredungen mit Freunden und das Unkraut auf dem Balkon machten ihm leider unmöglich, Bush und dessen Frau bei ihrem Besuch zu sehen. Mehr noch: „du merkst, dass auch ich gerade große angst habe, mich mit den 'falschen' zu treffen.“ In Deutschland sei derzeit der „private Terrorismus“ ein Thema, Staatsmänner seien da als Ziele völlig uninteressant. „du bist viel zu uninteressant als offene rechnung, obwohl auch ich mit dem gedanken gespielt habe, dich bei unserem nächsten treffen ganz einfach in die luft zu sprengen.“ Drunter tut es Schlingensief wohl nicht: konsequente Rollenprosa. „Die Zeit“ zuckt nicht mit der Wimper und bescheinigt allen Autoren, „klare Worte“ gefunden zu haben.

          Sybille Berg gibt sich beschäftigt. Zwar wisse sie, dass Bush seit Tagen unruhig vor dem Briefkasten auf Post von ihr warte, aber „Sie wissen, wie das ist - hier und da muss ich einen Krieg machen oder beenden und so weiter. Das suckt, wie Sie sagen würden.“ Nach einem Tour de Force aus Grußbotschaften, Prominententratsch und guten Ratschlägen endet die Autorin mit einem Gedicht für den Präsidenten, ohne jeden Zusammenhang, „aber nett“: „Hast du den Frühling schon gesehn? / Wird ohne dich zu Ende gehn. (...)“

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