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Koffein : Unterholz statt Überbau

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An diesem Dienstag feiert der bayerische Humorist Gerhard Polt seinen 60. Geburtstag. Die Zeitungen feiern mit.

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          „Ein kabarettistisches Schwergewicht“ nennt das „Hamburger Abendblatt“ den frisch 60-jährigen Gerhard Polt in seinem Geburtstagsporträt, ein Schwergewicht, „wie es vielleicht kein zweites gibt in deutschen Landen“.

          Das klingt ein wenig nach Bierreklame, und damit sind wir schon fast beim Thema, zumindest bei dem, das der Zeitung von der Elbe einfällt, wenn sie an den Humoristen aus dem Alpenvorland denkt. „Am liebsten verharre ich im Wirtshaus, wenn das Essen gut ist und das Trinken“, zitiert das „Abendblatt“ das Geburtstagskind nach einem persönlichen Telefonat.

          „A bissl ambivalent“

          Die „Welt am Sonntag“ gab sich bereits vorab skeptischer. Nicht einmal die Bezeichnung „Kabarettist“ will sie ohne weiteres gelten lassen, nennt sie „eines der hartnäckigsten Missverständnisse“. Polt sei vielmehr „stets Darsteller, kaum übertreibend, erschreckend präzise in seiner Rollenzeichnung: das arme Schwein als latenter Faschist - und manchmal auch umgekehrt.“

          „Lauter prototypische Individualisten“ nennt die „Junge Welt“ dagegen die Figuren des Humoristen, „doch jeder für sich ethisch 'a bissl a ambivalente Person, nicht wahr'“. Das war wohl O-Ton. Die „Schandtaten seiner Schauergestalten“, analysiert die Zeitung weiter, haben gute Gründe: „Tatendrang, Ordnungsliebe, 'oder einfach nur so'“.

          Auch Sorgen macht sich die „Junge Welt“: Polt könne sich womöglich, „geschwächt durch Altersmilde, doch noch niederschmusen von offiziellen Fernseh- und Kultur-Hanswürsten, bis zur Harmlosigkeit kaputtloben, gar bundesverdienstkreuzigen“. Da sei der Himmel vor. In der derart beschriebenen Hölle der Behäbigkeit ist wohl auch gar kein Platz mehr. Hier sitzt schon Ottfried Fischer.

          Schweinehüten ohne Kant

          Natürlich ist die Geburtstagswürdigung des in Italien lebenden Exilbayern Herzenssache der „Süddeutschen Zeitung“. Die hat für ihr Porträt auch gleich auf der Seite 3 Platz gemacht, und beim Umfang des Artikels ist das eine Menge Platz. Genug für die eine oder andere Anekdote, manch ernsthafte biografische Reminiszenz und Atem beraubende Gegenüberstellungen: „Würde er (Polt), was immerhin denkbar wäre, Immanuel Kant als Gewährsmann heranziehen, wäre das für beide Seiten eine Peinlichkeit (...) Sie haben, sozusagen, nicht miteinander Schweine gehütet, Kant und er.“

          Gerade „dass es bei Polt so wenig Deutenswertes zu geben scheint“, locke die Deuter der Poltschen Kunst in Scharen, diagnostiziert die „Süddeutsche“. „Keine gesellschaftskritische Theorie, kein politisches Programm, kein philosophisches System, kein Überbau. Nur Unterholz gewissermaßen, ein Gestrüpp von banalen Verhältnissen und banalen Personen.“

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